„Der Anfang ist gemacht – jetzt müssen die nächsten Schritte folgen“
Ein mögliches Kraftwerk im Schlüchterner Gewerbegebiet beschäftigt derzeit die Bürgerschaft und die Politik. Die Anlage soll den Strom für das geplante Rechenzentrum in Birstein liefern. Jetzt haben die Projektbeteiligten im Café Fabrice knapp 100 Leute über das Vorhaben informiert und zahlreiche Fragen beantwortet. Weitere Infoveranstaltungen stehen an.
Bürgermeister Matthias Möller betonte gleich zu Beginn beider Infoabende: „Wir stehen hier ganz am Anfang. Es ist noch keine Entscheidung gefallen. Wir müssen jetzt erst einmal klären, ob ein solches Projekt überhaupt für Schlüchtern in Frage kommt.“ Die Stadtverordnetenversammlung hatte kürzlich einem Prüfantrag zugestimmt, mit dem das geplante Kraftwerksprojekt weiter untersucht und rechtliche, wirtschaftliche sowie sicherheitsrelevante Fragen geklärt werden sollen.
Vor Ort erläuterten mehrere Fachleute den bisherigen Planungsstand: Projektentwickler Dr. David Roitman, Geschäftsführer der Argaman Group, gab grundlegende Informationen zum Vorhaben. Unterstützt wurde Roitman von Christoph Esche, der für die Energieplanung des Kraftwerks zuständig ist und vor allem technische Details erläuterte. Konkret ist ein Energiekraftwerk vorgesehen, das mithilfe von Brennstoffzellen sowie zwei Gasmotoren Strom und nutzbare Wärme erzeugen soll. Zunächst soll dabei Erdgas zum Einsatz kommen. Die Anlage soll aber zugleich „H2-ready“ ausgelegt sein. Eine spätere Umstellung auf Wasserstoff wäre damit möglich ist, wodurch sich der CO₂-Ausstoß reduzieren ließe.
Einen Einblick aus der Praxis gab Frank Künzer, Vertreter des Gamor-Kraftwerks in Saarbrücken. Er hatte eine Schlüchterner Delegation bereits durch das Saarbrücker Kraftwerk geführt, das in Teilen ähnlich aufgebaut ist wie die geplante Anlage in Schlüchtern. Künzer sprach darüber, wie die entstehende Abwärme über ein Fernwärmenetz genutzt werden kann. Er zeigte auch architektonische Möglichkeiten auf: „Ein Kraftwerk kann mehr sein als nur eine Anlage zur Energieerzeugung.“ Das Gamor-Kraftwerk in Saarbrücken beispielsweise habe sogar einen Architekturpreis gewonnen und sei zu einer echten Marke geworden.
Für die Moderation des Abends sorgten Nico Bensing und Steffen Reith von der Kommunikationsagentur Bensing & Reith. Sie führten durch die einzelnen Themenblöcke und bündelten die Beiträge des Publikums. Die Bürgerinnen und Bürger nutzten nach den Präsentationen die Gelegenheit, zahlreiche, auch kritische Fragen zu stellen.
Im Mittelpunkt standen vor allem die möglichen Auswirkungen auf die Umwelt, den Wasserverbrauch, den CO₂-Ausstoß und die Lebensqualität im Bergwinkel. Ebenso kamen Fragen zur Lärmentwicklung, zum Kühlsystem, den Gewerbesteuereinnahmen sowie zu möglichen Betreibern auf. Nicht alle Fragen konnten beantwortet werden: „Wir befinden uns noch in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Viele Details werden noch konkret geprüft und berechnet“, erklärte Roitman. Eine Übersicht der wichtigsten Fragen und Antworten ist im Infokasten zu finden.
Abschließend bedankte sich Bürgermeister Matthias Möller für die konstruktiven Beiträge: „Uns ist es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen und regelmäßig über den aktuellen Stand zu informieren. Wir müssen alle Fragen diskutieren, Sorgen ernst nehmen und verschiedene Faktoren sorgfältig prüfen. Der Anfang ist gemacht – jetzt müssen die nächsten Schritte folgen.“
Bereits am 27. September von 11 bis 16 Uhr bietet die Veranstaltung „Frag doch mal die Stadt“ im Kultur- und Begegnungszentrum die nächste Gelegenheit, sich mit den Beteiligten über die Planungen zu einem möglichen Energiekraftwerk auszutauschen.
Fragen und Antworten:
Da die Planungen noch in einem sehr frühen Stadium sind, können nicht alle Fragen detailliert beantwortet werden. Genau diese Aufgabe soll der Prüfauftrag erfüllen. Dennoch sollen hier die wichtigsten Informationen zum aktuellen Stand gegeben werden.
Warum soll überhaupt ein Kraftwerk gebaut werden?
Schlüchtern braucht nicht plötzlich 276 Megawatt Strom für sich selbst. Das Kraftwerk soll in erster Linie das geplante Rechenzentrum in Birstein versorgen. Für Schlüchtern stellt sich deshalb die Frage: Ist es sinnvoll, diese industrielle Investition hier anzusiedeln? Dafür sprechen mögliche Gewerbesteuereinnahmen, Arbeitsplätze, Fernwärme und die Möglichkeit, einen Beitrag zur Netzstabilität zu leisten. Ob diese Vorteile die Belastungen überwiegen, ist genau das, was jetzt geprüft werden muss.
Warum in Schlüchtern – und nicht in Birstein?
Es sind vor allem zwei infrastrukturelle Faktoren, die für Schlüchtern als Standort sprechen: Hier kreuzen sich zwei größere Gasleitungen, und das Umspannwerk Elm liegt sehr nah. Dadurch bestehen sowohl für die Versorgung als auch perspektivisch für die Netzanbindung günstige Voraussetzungen.
Wann soll es losgehen?
Zunächst muss die Prüfung abgeschlossen werden. Der Bau beginnt anschließend wahrscheinlich Anfang 2028 – sofern die Stadtverordneten und die übergeordneten Behörden zustimmen. Die Bauzeit beträgt circa zwei Jahre.
Warum kann das Rechenzentrum in Birstein nicht einfach mit erneuerbaren Energien betrieben werden?
Das soll es zu großen Teilen sogar. Zur Erläuterung: Der Anteil fossiler Energieträger am allgemeinen Strommix beträgt rund 40 Prozent. Dies gilt auch für das geplante Rechenzentrum. Heißt: 60 Prozent steuern erneuerbare Energien bei. Dafür verantwortlich sind Wind- und Sonnenenergie sowie ein großer Batteriespeicher im Rechenzentrum in Birstein. Dennoch kann damit nicht der gesamte Bedarf gedeckt werden. Auch für Dunkelflauten, also wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint, muss der Strombedarf gedeckt werden. Dies soll das Kraftwerk sicherstellen.
Wie genau ist das Energiekraftwerk aufgebaut?
Das Kraftwerk besteht aus zwei Bestandteilen: Zu 80 Prozent sorgen Brennstoffzellen für die benötigte Energie, die restlichen 20 Prozent steuern Gasmotoren bei. In den Brennstoffzellen wird das Gas nicht verbrannt, sondern mittels elektrochemischer Prozesse zu Wasserstoff reformiert. Die Gasmotoren sind vor allem für Dunkelflauten im Winter da und sollen dann zusätzlichen Strom erzeugen, wenn kein Windrad weht und keine Sonne scheint. Insgesamt sollen die Gasmotoren circa 23 Tage pro Jahr laufen.
Ab wann soll das Kraftwerk mit Wasserstoff betrieben werden?
Das Kraftwerk soll direkt „H2-ready“ gebaut werden. Eine Umstellung auf vollständigen Wasserstoffbetrieb ist ab Mitte der 2030er Jahre realistisch, dann allerdings aus wirtschaftlichen Gründen nicht mit grünem, also komplett klimaneutralem, sondern mit blauem Wasserstoff. Blauer Wasserstoff wird mit fossilen Brennstoffen hergestellt, der CO2-Ausstoß wird mit verschiedenen technischen Methoden so behandelt, dass es nicht in die Atmosphäre entweicht. Damit soll mittelfrisitig Net Zero erreicht werden, das heißt: Die Menge an Treibhausgasen, die in die Atmosphäre gelangt, ist genauso groß wie die Menge, die wieder aus ihr entfernt wird.
Wie viel Wasser wird täglich verbraucht?
Die Brennstoffzellen müssen einmalig mit Wasser befüllt werden. Die Menge liegt bei circa 35 Kubikmetern. Im laufenden Betrieb soll kein zusätzliches Wasser benötigt werden, da die Brennstoffzellen das Wasser für die benötigte Kühlung selbst produzieren. Tatsächlich sollen sogar rund 15 Kubikmeter Wasser pro Stunde für andere Zwecke genutzt werden können. Die Gasmotoren wiederum verfügen über eine Trockenkühlung, durch große Ventilatoren wird die Abwärme abgeleitet. Für wenige Tage im Jahr wird das gespeicherte Wasser der Brennstoffzellen zusätzlich zur Kühlung der Gasmotoren verwendet – dies beginnt bei Temperaturen circa 36 Grad Celsius. Somit wird nach der Erstbefüllung von außen kein weiteres Wasser benötigt, außer natürlich für sanitäre Einrichtungen des Kraftwerksbetriebes.
Wie hoch sind die tatsächlichen CO₂-Emissionen?
Die Planer gehen von circa 188.000 Tonnen CO2 pro Jahr für das Kraftwerk aus. Diese Zahl soll das Gutachten aber unabhängig überprüfen. Tatsächlich liegen für das Gesamtprojekt die Emissionen damit circa 153.000 Tonnen niedriger als bei einem reinen Netzbetrieb – und das pro Jahr. Das Gesamtkonzept beruht laut Planern dabei auf zwei Bausteinen: Erstens ein Kraftwerk auf Basis von Brennstoffzellen, das nach vier Jahren auf Wasserstoff umgestellt wird. Und zweitens ein Rechenzentrum, das erneuerbare Energien nutzt und über flexible Netzkapazitäten Redispatch ermöglicht. Die Kombination dieser beiden Bausteine führe zu einer erheblichen CO₂-Einsparung gegenüber dem reinen Netzbezug. Im Vergleich zu einem Rechenzentrum, das lediglich an das Stromnetz angeschlossen wird, werden rund 2,3 Millionen Tonnen CO₂ über einen Zeitraum von 15 Jahren ausgestoßen. Das Gesamtprojekt hat damit laut dem Planungsbüro eine minimale CO₂-Bilanz von 25.000 Tonnen über 15 Jahre.
Wie wird dies die Luftqualität beeinflussen?
Energiekraftwerke müssen eine Vielzahl an Grenzwerten einhalten, um überhaupt zugelassen zu werden. Sie fallen unter das Bundesimmissionsschutzgesetz, unter die Grenzwerte für Luftschadstoffe und Lärmemission, untere die Emissionsgrenzwerte für Verbrennungsmotoranlagen und weitere. Diese Grenzwerte müssen außerdem dauerhaft gemessen und an die Genehmigungsbehörde gemeldet werden. Das Zertifikat als Luftkurort ist laut Planer nicht gefährdet. Wie genau die Ausstöße bei dem geplanten Kraftwerk aussehen, wird sich durch den Prüfauftrag zeigen.
Wie laut soll das Kraftwerk maximal werden?
Die Projektplaner schätzen, dass das Kraftwerk aus circa 100 Metern Entfernung nicht mehr aus den Umgebungsgeräuschen herausgefiltert werden kann. Auch dies ist Gegenstand des Prüfauftrags. Außerdem müssen die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte eingehalten werden.
Was ist mit Tieren, Pflanzen und Naturschutz?
Das wird Bestandteil der naturschutzrechtlichen Prüfung sein. Dabei sollen Aussagen zu Arten, Eingriffen, Ausgleichsmaßnahmen und gegebenenfalls Bauzeitenbeschränkungen getroffen werden. Auch hier gilt: erst Gutachten, dann endgültige Entscheidung.
Wer wird das Kraftwerk betreiben?
Die Argaman Group ist Projektentwickler, sie plant das Kraftwerk. Gebaut und betrieben werden soll es von einem der großen deutschen Energieversorger. Derzeit laufen dazu die Verhandlungen. Sobald diese abgeschlossen sind, wird der Betreiber öffentlich bekanntgegeben. Schätzungsweise wird dies bis Mitte Oktober so weit sein.
Wie viele Arbeitsplätze sollen entstehen?
Insgesamt gehen die Verantwortlichen von circa 60 Arbeitsplätzen aus. Das Energiekraftwerk muss permanent betreut werden, dafür ist ein Drei-Schicht-Betrieb mit jeweils 20 Arbeitskräften vorgesehen.
Wie gefährlich ist ein solches Kraftwerk?
Erdgas und Wasserstoff sind brennbare Gase, deshalb gibt es bei solchen Anlagen auch technische Risiken. Diese sind laut Planer allerdings nicht groß, da im Kraftwerk weder Gas- noch Wasserstofftanks vorgesehen sind. Die Versorgung soll direkt über die Pipelines erfolgen. Entscheidend ist deshalb viel eher, wie das Restrisiko beherrscht wird. Der Prüfauftrag soll Folgendes klären: Gaswarntechnik, automatische Absperrung, Explosionsschutz, Sicherheitsabstände, Brandschutz, Notabschaltung und Einsatzplanung.
Wie hoch sind die Gewerbesteuereinnahmen? Und sind diese garantiert?
Die Gewerbesteuereinnahmen sollen bei circa 3,5 Millionen Euro pro Jahr liegen. Bei einer ungefähren Nutzungsdauer von 30 Jahren kämen so etwas mehr als 100 Millionen Euro zusammen. Diese fallen übrigens unabhängig vom Gasverbrauch an, da der spätere Energieversorger Leasingraten für die Anlage bezahlen muss – und genau auf diese entfällt die Gewerbesteuer. Hinzu kommt ein geringer Anteil, den der Energieversorger selbst für den eigentlichen Betrieb des Kraftwerks zahlen muss. Der Löwenanteil allerdings soll über die Leasingrate kommen.
Bekommen wir ein Fernwärmenetz und günstigeren Strom?
Das geplante Kraftwerk liefert Abwärme in Höhe von circa 50 Megawatt pro Jahr. Damit könnten kommunale Liegenschaften wie das Frei- und das Hallenbad, Kitas und die Stadthalle, aber natürlich auch Gewerbe- und Industriebetriebe sowie Privatgebäude geheizt werden. Schlüchtern hat aktuell aber noch kein Fernwärmenetz, dies müsste also erst aufgebaut werden. Fakt ist aber auch: Jede Stadt und jede Gemeinde ist dazu verpflichtet, bis 2028 die kommunale Wärmeplanung voranzutreiben. Dies ist ein strategischer, langfristiger Prozess, um die Wärmeversorgung bis zum Jahr 2045 Schritt für Schritt klimaneutral zu gestalten. Ein Fernwärmenetz kann dabei eine Rolle spielen. Der Prüfauftrag soll hier weitere Informationen liefern.
Wie geht es weiter?
Die Stadt Schlüchtern wird die Bürgerinnen und Bürger regelmäßig über den aktuellen Stand informieren. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich am Sonntag, 27. September, bei Frag doch mal die Stadt. An diesem Tag werden zwischen 11 und 16 Uhr zahlreiche Vorhaben im Kultur- und Begegnungszentrum vorgestellt, auch das geplante Energiekraftwerk soll hier Thema sein.

Mehr als 100 Leute kamen ins Café Fabrice zu den beiden Bürgerdialogen mit (von links) Alexander Steinberg (Argaman Group), Frank Künzer (Vertreter des Gamor-Kraftwerks Saarbrücken), Moderator Steffen Reith, Dr. David Roitman (Argaman Group), Moderator Nico Bensing, Fabrice-Betreiberin Janet Dietrich und Bürgermeister Matthias Möller. Foto: Stadt Schlüchtern

