Stadtentwicklung (3) - Schlüchtern, Kreisstadt und hessisches Mittelzentrum

Nach der Erhebung Schlüchterns zur Kreisstadt im Jahre 1821 setzte eine vermehrte Bautätigkeit und verstärkte Stadtentwicklung über das Obertor in Richtung Fuldaer Straße ein.

Um 1834 begann der Ausbau der alten Heerstraße. Gefälle und starke Steigungen wurden beseitigt, Brücken gebaut. Das Untertor wurde aus diesem Grunde schon 1827 abgebrochen, weil es ein Verkehrshindernis für die großen Frachtwagen war. Das Obertor folgte einige Jahre später. Die Wälle der Stadtbefestigung wurden abgetragen und die Weiher mit dem Abraum verfüllt (Hospitalweiher und Mauerwiesenweiher 1833). Das Lehrerseminar wurde 1825 im Kloster errichtet, dem Umbau des Rathauses 1828 folgten weitere öffentliche Bauten, zum Beispiel das Landratsamt Ecke Fuldaer Straße / Dreibrüderstraße (später Raiffeisen). Zuvor war 1819 das Köhlersche Postamt (heute Kreissparkasse) erstellt worden. Viele alte Häuser wurden restauriert und neue Häuser entstanden. Deutlich erkennbar ist diese Entwicklung auf einem Stadtplan des Jahres 1850. Die Fuldaer Straße ist rechtseitig bereits bis zur Ludovica-von-Stumm-Straße bebaut, die 1825 gegründete Seifensiederei Viktor Wolf eingezeichnet. Die Bebauung über das Krämertor hinaus reicht längst bis zur Kreuzung Elmer Landstraße/Ahlersbacher Straße. Die Jostsche Mühle, das Binnerland sind ebenso wie Linsengasse und Schlossgasse sowie der Sandgarten bebaut. 1858 wird die Stadtsparkasse gegründet, 1868 die Turnhalle eingeweiht, 1875 erhält Schlüchtern ein Standesamt.

Der Bau der Bebra-Bahn und des Bahnhofes in 1868 brachten weitere bauliche Stadterweiterungen im Bereich der Alten und Neuen Bahnhofstraße. Letztere wurde Anfang der 70er Jahre erbaut, damit die schweren Fuhrwerke nicht mehr die starke Steigung der Alten Bahnhofstraße überwinden mussten. 1893 erfolgte der Bau der Wasserleitung, 1901 erhielt Schlüchtern das erste Telefon.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Auswanderung nach Amerika und der Abwanderung ins Ruhrgebiet. Trotzdem stieg die Zahl der Einwohner der Stadt. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden viele Großbauten, zum Beispiel 1898 die Synagoge, 1904 die katholische Kirche, 1906 das Elektrizitätswerk, 1910 das Kreishaus, 1913 das Kreiskrankenhaus und 1914 der Distelrasentunnel. Es entstanden auch die zahlreichen Jugendstilbauten.

Der Erste Weltkrieg mit anschließender Inflation bremste etwas die Stadtentwicklung.

Mitte der 20er Jahre entstanden der Sportplatz auf der Auwiese, 1929 der Bau der Stadtschule und 1929/30 das Schwimmbad in der Breitenbacher Straße.

Erhebliche Stadterweiterungen gab es 1935 im Bereich Hohenzeller-/Hanauer Straße. Dort wurden 1936 unter anderem zehn neue Siedlungshäuser, die sogenannte Hitlersiedlung, eingeweiht, ebenso in der Alten Bahnhofstraße. Großbauten waren damals auch die 1935 erstellte Kreislandwirtschaftsschule, das Arbeitsdienstlager Nr. 8/225 (1934) in der Dreibrüderstraße, das 1935 in der Lotichiusstraße erbaute sogenannte Parteihaus und die 1939 begonnene Jugendherberge am Hohenzeller Berg (1969 verkauft).

1935 wurden sieben Straßen nach Hitler, Göring, Sprenger, Horst Wessel und anderen NS-Größen umbenannt, was 1945 wieder geändert wurde. Die Straßen Unter den Linden, Obertorstraße und Krämerstraße erhielten 1937 ihre jetzigen Namen. 1938 begann der Ausbau der Obertorstraße und der Straße Unter den Linden. Die Kurve am Rathaus wurde verbreitert, das Zipfsche Haus abgebrochen die Obertorstraße kanalisiert und die Linden in der Untergasse gefällt. Rathaus und Schenk wurden außen renoviert.

Während des Zweiten Weltkrieges kam es zu keinen nennenswerten baulichen Veränderungen in der Stadt. Leider brachte die Verlegung des Finanzamtes nach Gelnhausen 1943 einen Rückschlag für Stadt und Kreis Schlüchtern. Durch die Aufnahme vieler Heimatvertriebener nach Kriegsende war die Einwohnerzahl von 3.444 im Jahr 1933 und 3.728 in 1939, auf 5.832 in 1950 angestiegen. Begünstigt durch den 1949/50 von Land und Kreis initiierten so genannten Schlüchternplan, kam es nun zu neuen Erweiterungen des Stadtgebietes unterhalb des Bahnhofswäldchens, Am Eichholz/Niederzeller Weg in 1964, Galgenberg/ Struthrain, 1958/59 zwischen Breitenbacher Straße und Fuldaer Straße, südlich der Kinzig zwischen Hohenzeller Straße und Ahlersbacher Straße. Es entstanden 1948 die Heinleinsiedlung, die Aussiedlerhöfe, 1950 die Bornwiesensiedlung, 1954 die erste VDK-Siedlung Hessens in Schlüchtern. 1949 erfolgte der Kinzigdurchstich in der Auwiese, 1957 begann der Bau des ersten Abschnittes der Berufsschule und 1961 der des neuen Postamtes.

Um ein Mehrfaches vergrößerte sich das Siedlungsgebiet der Stadt in jüngster Zeit als Folge der von 1969 - 1974 in Hessen durchgeführten Gebietsreform. Die zwölf bisher selbständigen Gemeinden Ahlersbach, Breitenbach, Elm, Gundhelm, Herolz, Hutten, Hohenzell, Klosterhöfe, Kressenbach, Niederzell, Vollmerz und Wallroth wurden mit der Stadt Schlüchtern vereinigt. Die Einwohnerzahl vergrößerte sich durch die Eingemeindungen von 6.090 in 1968 auf 13.539 in 1974. Die Gemarkung erweiterte sich von 1.441 bis auf 11.332 Hektar. Schlüchtern wurde zu einer der größten Flächenstädte Hessens. Im Landesentwicklungsplan des Landes Hessen wurde die Stadt als Mittelzentrum - gewerblicher und Siedlungsschwerpunkt - des oberen Kinzigtals ausgewiesen. Dies löste wiederum zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Infrastruktur aus. Allein die von 1970 - 1992 durchgeführte Altstadtsanierung brachte der heimischen Wirtschaft lukrative Aufträge. Zwischen 1975 und 1979 erfolgte der Bau der Ortsumgehung, der Ausbau des Kanalnetzes und der Ausbau der Wasserversorgung.

1978 wurde als Modellprojekt des Bundeswohungsbauministeriums nahe der evangelischen Kirche das Wohnprojekt "Kirchstraße/Mauerwiese" mit 31 Wohnungen erbaut. Es wurde von der 1946 in Schlüchtern gegründeten Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft im Rahmen der Altstadtsanierung erstellt. Diese Genossenschaft hat wiederum 1992 in der Kurfürstenstraße 24 Sozialwohnungen errichtet.

Durch zukunftsorientierte Kommunalpolitik hat sich Schlüchtern in den letzten Jahren zu einem Einkaufs- und Dienstleistungszentrum für die ganze Region entwickelt. Neben einem Kaufhaus und Handelsketten stehen den Bürgern zahlreiche Einzelhandelsgeschäfte zur Verfügung. Ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind ferner die drei Banken. Die ärztliche Versorgung ist heute durch das 1967 erbaute Kreiskrankenhaus, Arztpraxen, Zahnarztpraxen, Tierarztpraxen und Apotheken gesichert.

Für die Freizeitgestaltung stehen den Bürgern in der Gesamtstadt eine moderne Stadthalle (1988), die Weitzelbücherei, sieben Gemeinschaftshäuser, ein Hallenbad (1974), zwei beheizte Freibäder, 27 Sportstätten aller Art sowie 200 Kilometer markierte Wanderwege mit Grill- und Freizeitanlagen zur Verfügung.

Schlüchtern ist seit 1966 staatlich anerkannter Luftkurort. Das Stadtgebiet hat eine Waldfläche von 3.218 Hektar, davon sind 70 Prozent Laubwald, in einer Höhenlage von 205 - 540 Metern.

Den konfessionell gebundenen Bürgern stehen in der Gesamtstadt elf evangelische, zwei katholische, eine neuapostolische sowie eine freie evangelische Kirche offen. Ebenso hat Schlüchtern seinen alten Ruf als Schulstadt behalten. Neben Grundschule, Stadtschule (Hauptschule und Realschule), Bergwinkelschule für Lernbehinderte, Heinrich-von-Herrmann-Schule (praktisch Bildbare), dem Ulrich-von-Hutten-Gymnasium, der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte und den Kinzig-Schule (Beruflichen Schulen) in der Innenstadt gibt es noch vier Grundschulen in Elm, Herolz, Vollmerz und Wallroth. Die zentrale Funktion der alten Kreisstadt blieb nach der Gebietsreform weitgehend erhalten. Gute Infrastruktur und eine weitgehend noch intakte Natur haben in den letzten Jahren viele Menschen aus den Ballungsgebieten bewogen, ihren Wohnsitz nach Schlüchtern zu verlegen.

Während die Innenstadt noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein stark landwirtschaftlich geprägtes Bild zeigte, bietet sie heute das einer stark gewerblich orientierten, aufstrebenden Kleinstadt im oberen Kinzigtal. Ältester Handwerksbetrieb dürfte heute die seit 1895 bestehende Firma Möbel-Rudolf sein.

Stadtentwicklung (1) – Vom Dorf zur Stadt Schlüchtern

Stadtentwicklung (2) - Schlüchtern von der Reformation bis zur Kreisstadt