Stadtentwicklung (2) - Schlüchtern von der Reformation bis zur Kreisstadt

Zwei bedeutende Ereignisse im 16. Jahrhundert haben die weitere Entwicklung der Stadt Schlüchtern wesentlich beeinflusst; zum einen die von Abt Petrus Lotichius in 1543 eingeleitete Reformation des Bergwinkels und zum anderen die Erhebung zur Stadt um 1556/57.

Bis zum 30jährigen Krieg wurde die Stadtentwicklung zunächst noch sehr durch die vier evangelischen Äbte Lotichius (1534 - 1567), Hettenus (1567 - 1585), Schönbub (1585 - 1592) und Wankel (1592 - 1609) beeinflusst und gestaltet. Doch schon bald nach dem Einzug der Stadtoberen, des Bürgermeisters und der Räte in das 1573 fertiggestellte neue Rathaus gewann die eigenständige Verwaltung mehr und mehr Gewicht.

Die Unregelmäßigkeit des Grundrisses der alten Innenstadt spricht nicht für eine planmäßige Ortsgründung. Die ältesten Teile lagen um das Kloster und entlang der beiden Heerstraßen nach Würzburg und Fulda. Zu nächst wurde nur bis zum Krämertor und dem Obertor gebaut.

In der Stadt gab es zunächst nur die beiden Querverbindungen Schmiedsgasse und Linsengasse, 1565 Kreuzgasse genannt, ferner die beiden Sackgassen, eine davon hieß später Spitalgasse, sie war vermutlich nicht mit der heutigen Sackgasse verbunden. 1549 werden noch eine Fischergasse und der Zwinger erwähnt. Beide sind in der Gegend hinter dem Pfarrhaus zu suchen. Zwinger nannte man damals auch anderen Ortes das Gelände zwischen Stadtmauer und dem ersten Häuserring. Die Fischergasse lag an der Stadtbefestigung zur Mauerwiese. Es muss demnach, ebenso wie in Steinau, in Schlüchtern eine kleine Fischerzunft gegeben haben, die neben der Kinzig vor allem die Weiher der Stadtbefestigung abfischte. Die Krämergasse war sehr breit, da sie zu beiden Seiten des bis 1882 durch Schlüchtern fließenden Elmbaches verlief.

An Flurbezeichnungen wurden folgende Namen genannt: Mauerwiese, Strasswiese, Au, Weitzbach, Röderwasser, Hermesbach, Zum Rode (Röthe), Ziegenberg, Mordgraben, Creutzgarten, Im Pfull, Zoegelwiesen, Langen Streich, Hohenspitzen, Dechenfeld, Bornwiesen, Am Brunek, Am Galgenberg, Am Eichholz, Am Elm, Im Bibell, Feierabendgrund, Hohenrain, Bärwiese, Riedwasser, An der Strut, Maidjesbach.

1549 zählte man in Schlüchtern noch 44 Weinberge: 18 davon am Eichholz, am Bibell 13, je einen an der Lindenwiese, im Dechenfeld, je zwei am Brunek, im Kalkofen, Molvers und Aschenfeld und drei am anderen, nicht bezeichneten Orten. 1649 ging der Weinbau in Schlüchtern ein, stattdessen wandte man sich nun dem etwas lukrativeren Tabakanbau zu. Um 1680 gab es Tabakkutschen am Riedwasser und den Edenkutschen.

Die städtische Bleiche befand sich an der Linne am Röderwasser. Auf einer benachbarten Wiese stand ein Wachhäuschen weil die Wäsche auch über Nacht zum Bleichen liegen blieb. 1597 wurde"Schwanz wüllen Schlüchterisch Duch" bereits als bekannter Ausfuhrartikel erwähnt. Schon 1567 wurde das Oberfarbhaus in der Krämerstraße genannt, das 1602 Brauhaus wurde. Neben der Gastwirtschaft Schwan gab es das Unterfarbhaus.

1573 gab es eine deutsche Schule in Schlüchtern. 1570 und 1580 wurde die Stadtschenke erwähnt, und 1590 gab es einen verordneten Stadtschreiber.

Bei einer großen Pestepidemie in 1574/75 starben 442 Menschen

Im 30jährigen Krieg wurde die Stadt fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau vollzog sich wieder überwiegend innerhalb der alten Stadtbefestigung, allerdings mit Erweiterungen nach Westen in Richtung Lotichiusstraße und südlich der heutigen Grabenstraße und Bahnhofstraße. Die Einwohnerzahl war etwa auf die Hälfte gesunken. Die Befestigungen waren erhalten geblieben.

Um 1680 gab es 551 Seelen, 127 "Bäue", zwei vor dem Krämertor, und wenige Scheunen und Hofraithen - alle in schlechten Zustand. Die Häuser waren mit Schindeln und Stroh gedeckt und mit Lehm ausgemauert. Die ärmlichsten Häuser standen damals im "Sack". Das Dach war niedrig, mit der Hand zu greifen der kleine Wohnraum für die Menschen war ungedielt. Für die Ziegen gab es ein Ställchen, unter dem Dach war ein winziger Speicher für Heu und Grummet.

Nach einer großen Hochwasserflut zwischen dem 15. und 18. Januar 1682 wurde mit der Straßenpflasterung begonnen. 1737 wurde ein neues Spital in der Spitalgasse errichtet, 1798 wurde das lutherische Schulhaus in der Schmiedsgasse erbaut. Man unterschied jetzt vier Quartiere: Oberviertel, Unterviertel, Crämerviertel und Klosterviertel.

Als Gasthäuser wurden der "Rote Löwe", der "Goldene Engel", der "Schwan", der "Obere Stern" oder "Goldene Stern" und der "Untere Stern" oder "Weiße Stern" sowie die städtische "Schenk" erwähnt. 1744 wurde mit dem Ausbau der Landesstraße nach Fulda begonnen. Er dauerte 30 Jahre und war Voraussetzung für einen geregelten Personen- und Postverkehr.

Allmählich begann sich die Stadt aus der Bevormundung des Klosters zu lösen. 1707 lebten in Schlüchtern 210 Familien, davon 13 jüdische. 1754 gab es 298 Familien mit 1322 Einwohnern, davon 90Juden. Man zählte 247 Wohnhäuser und Gemeindehäuser, davon elf Judenhäuser, vier herrschaftliche und adelige Häuser und sieben Mühlen sowie eine evangelische Kirche. Die Bevölkerung lebte überwiegend von Landwirtschaft und Handwerk. 1760 gab es hier 311 Censiten (Laßbauern). 1767 wurde der Kartoffelanbau lobend erwähnt, weil die Kartoffeln, zu Brot gebacken, die Menschen oft vor dem Verhungern bewahrten. 1778 wurde die erste Apotheke in der Krämergasse gegründet. Es entstanden Zigarrenfabriken, und 1779 gründete sich eine Hafnerzunft.

Bei einem Wolkenbruch am 19. Juli 1769 wurde das Krämertor vom Hochwasser weggerissen, nach erneuter Zerstörung durch Hochwasser in 1782 wurde es nicht mehr aufgebaut. Ebenso wurden Obertor und Untertor bei dem Unwetter in 1769 stark beschädigt. Beide Tore wurden wieder instand gesetzt, das Untertor 1827 abgebrochen. Die Torwacht oblag den Bürgern, die von einem Wachtmeister eingeteilt und beaufsichtigt wurden. Anfang des 19. Jahrhunderts existierten noch sämtliche Weiher um die Stadt Schlüchtern herum.

Gute Geschäfte machten die Fuhrleute mit ihrem Vorspanndienst über den Distelrasen und natürlich auch die Gastwirte und Herbergen.

Die Kriege Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Stadtentwicklung sehr gehemmt. Erst nach dem Ende der Befreiungskriege und der ab 1821 verordneten Gebietsneuordnung kam sie wieder in Gang.

Stadtentwicklung (1) – Vom Dorf zur Stadt Schlüchtern

Stadtentwicklung (3) - Schlüchtern, Kreisstadt und hessisches Mittelzentrum