Stadtentwicklung (1) – Vom Dorf zur Stadt Schlüchtern

Fachleute halten es für unwahrscheinlich, dass die Benediktinermönche 741 ihr Kloster Schlüchtern in einer menschenleeren, unbesiedelten Gegend errichteten. Man muss also davon ausgehen, dass schon zu Zeiten der Klostergründung in der Mitte des 8. Jahrhunderts eine Siedlung Schlüchtern existierte. Die Bewohner hatten, wie später noch deutlich erkennbar, ihre Häuser unmittelbar vor dem Kloster gebaut (heute Bereich Heideküppel, Sackgasse, Wassergasse und Unter den Linden). Sie waren Bauern und Handwerker, die als Hörige mehr oder weniger für das Kloster tätig waren. Durch den im 9. Jahrhundert stark aufblühenden Frankfurter Handel bekam die älteste der beiden großen hessischen Durchgangsstraßen, die von Mainz über Frankfurt, Hanau, Schlüchtern, Fulda und Erfurt bis Leipzig führte, verstärkte Bedeutung. Die andere Straße führte über die Wetterau und Mittelhessen nach Osten.

Schlüchtern erlangte Bedeutung, lag sie doch an der damals wichtigen Kreuzung der über Sinntal nach Würzburg gehenden Hauptstraße und der Frankfurt-Leipziger Straße, die nach Schlüchtern die Naturbarriere Distelrasen zu überwinden hatte. Reisende und Fuhrleute hatten gerade in jener Zeit allerlei Bedürfnisse. Zwar gibt es bislang keine Dokumente, die frühe Hinweise auf diese Siedlung geben könnten, es sei denn, man unterstellt, dass die teilweise vorhandene, aber als unecht geltende Schenkungsurkunde Karls des Großen vom 9. Oktober 788, die von einer Klosterzelle in Schlüchtern spricht, doch echt ist. Immerhin hätte es zu diesem Zeitpunkt schon den Namen Schlüchtern gegeben. Aber die Ersterwähnung des Ortes am 12. Dezember 993 unter dem Namen "Sluohderin" in einer kaiserlichen Urkunde beweist jedenfalls, dass es die Siedlung gab und sie inzwischen auch schon eine gewisse über örtliche Bedeutung erlangt hatte.

Die Erwähnung des Edelmannes Rabenold von Schlüchtern, eines Ministerialen des Klosters, im Jahre 1151 liefert den ersten Anhaltspunkt für die Entstehung des weltlichen Ortes Schlüchtern. Das bedeutet, dass der weltliche Ort Schlüchtern jetzt allmählich aus dem Schatten des Klosters heraustrat. Dies hing wiederum mit dem Ausbau der alten Kinzigstraße im Mittelalter zusammen. Nachdem diese unter besonderen kaiserlichen Schutz gestellt worden war, wurde sie im Mittelalter zu einer der bedeutensten Ost-West-Handelsstraßen Deutschlands.

1331 ist dann von einem Dorf Schlüchtern die Rede. Die Tatsache, dass gleichzeitig von Wirtshäusern und Märkten gesprochen wird - 1384 werden Fleischschrammen (Fleischer) erwähnt - spricht dafür, dass auch Schlüchtern zu dieser Zeit schon auf dem Weg zu Stadtrechten war. Vier der sieben Mühlen, die Schlüchtern später hatte, waren schon außerhalb des Klosters vorhanden: die Hof- und Bannmühle am Untertor (1285), die Mühle am Pfarrkirchhof (1303), die Walkmühle vor dem Krämertor - später Hutzelmühle (1353) - und die Richtscheidermühle - später Sägewerk Walther und Kress (1331).

Untrügliches Zeichen, dass der Ort auf dem Weg zu Stadtrechten war, ist die Erwähnung der Wehranlagen, z. B. des Krämertores 1353 und 1399. Solche Anlagen bedurften der Genehmigung des Landesherren, sie waren Bestandteil eines Stadtrechtes. Es gab auch schon öffentliche Einrichtungen wie das 1391 erwähnte Aussätzigenhaus, die 1274 erwähnte Pilgerherberge (Gästehaus) vor dem Kloster und das 1274 und 1358 genannte Spital vor der Katharinenkapelle (zwischen Eckebäcker und Lorenzkapelle). 1448 und 1496 werden Bürgermeister, 1489 Zünfte erwähnt Auch eine öffentliche Ballstube ist vorhanden. 1496 billigte Graf Reinhard IV. von Hanau dem Klosterabt die Erhebung des "Kleinen Zolls" in Schlüchtern zu von allem, was in "Sluchter" verkauft wurde, was auf Karren in "Sluchter" feilgehalten und was von Wolle verkauft und gewogen wurde. Die Schlüchterner und Steinauer blieben zollfrei. Jetzt wird in Schriftstücken häufig vom Flecken Schlüchtern gesprochen.

1362 wird Sanne, die Witwe des Edlen Hermann von Schlüchtern mit einem klösterlichen Vogthof von Konrad von Trimberg belohnt. Er besitzt ein steinernes Haus auf dem Sande, das als Vorläufer des Schlösschens gilt und im Bereich des Hinhalberdorfes liegt (später Helfendorf genannt). Dieses um 1560 verschwundene Dorf, das jenseits des Röderwassers vermutet wurde, wird nicht als Siedlung, sondern als einen Teil des früheren Dorfes Schlüchtern bezeichnet. Demnach hätte sich der um das Kloster liegende Ortskern schon im Mittelalter in Richtung Westen (heute Bahnlinie) ausgedehnt. Sprachforscher halten es auch für möglich, dass Helfendorf und damit Schlüchtern aus einer Zwangsumsiedlung von Sachsen durch Karl den Großen (748-814) hervorgegangen sein könnte.

Die 1243 mitten durch Schlüchtern gezogene Gebietsgrenze zwischen dem Trimbergischen und dem Hanauischen Gericht, die der Elmbach bildete, mag aus dem gleichen Grunde so entstanden sein. Nach dem Protokoll des Amtes Steinau von 1549 ermittelte damals der Steinauer Amtmann Craft Emmel für die trimbergische Seite 85 Steuernde und 68 Häuser, für die hanauische Seite 123 Steuernde und 80 Häuser (insgesamt 208 Steuernde und 148 Häuser). Unter anderen wurden ein Bürgermeister und ein Schultheiß genannt.

Es wird aber immer noch von der "Gemein und dem Flecken" Schlüchtern, nicht der Stadt Schlüchtern gesprochen. Trotzdem war Schlüchtern kein Dorf mehr im üblichen Sinne, es hatte auch bereits ein Rathaus. Das Steuerregister der f Hanauer Regierung von 1538 weist 153 Steuernde aus. Im Klosterzinsbuch von 1565 sind 212 Steuernde namentlich genannt und 153 Häuser vermerkt.

Graf Philipp III. von Hanau erlaubte am 29. März 1555, dass in Schlüchtern jeden Dienstag oder Mittwoch regelmäßig ein Wochenmarkt abgehalten werden durfte. In dem 1557 begonnen neuen Gerichtsbuch und dem darin festgehaltenen Bürgermeistereid fällt erstmals der Name Stadt, und es wird von den Ratsherren "Irer gnaden Stadt Schlüchter" gesprochen. Damit steht fest, dass dem Vertrag von 1555 auch die Verleihung von Stadtrechten durch Graf Philipp von Hanau folgte. Leider fehlt die Stadtrechtsurkunde. Von 1567 bis 1572 erfolgte der Bau eines neuen Rathauses.

Stadtentwicklung (2) - Schlüchtern von der Reformation bis zur Kreisstadt

Stadtentwicklung (3) - Schlüchtern, Kreisstadt und hessisches Mittelzentrum