Das Hinkelhofer Schul-Strafbuch von 1912 bis 1919

Fünf Schläge für Unfleiß und Trotz

Von Ernst Müller-Marschhausen

Veröffentlicht in „Bergwinkel-Bote. Heimatkalender 2018“, 69. Jahrgang (2017), hrsg. vom Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises, Schlüchtern, S. 96-106

Weil der elfjährige Leonhard „unaufmerksam“ war, erhielt er zwei Schläge. Drei Hiebe verabreichte der Lehrer dem gleichaltrigen Konrad – sein Delikt: „Unfleiß“.  Und vier musste seine Mitschülerin Margarete wegen „Unaufrichtigkeit“  über sich ergehen lassen.  Mit gar fünf Schlägen züchtigte der Lehrer die neunjährige Marie, denn bei ihr kam  noch „Trotz“ hinzu. 

All das ist noch gar nicht so lange her: Das in bestechendem Lehrer-Sütterlin geführte,  authentische Strafbuch der einklassigen Volksschule Hinkelhof, damals Hausnummer 15, heute: Am Dreibrüder Hof 39,  aus den Jahren 1912 bis 1919, war ein glücklicher Zufalls-fund, denn es dokumentiert die Strafen, die zum Schulalltag der Hinkelhofer Kinder gehörten: In sieben Spalten eines Formblatts, das in allen Volksschulen Preußens verbindlich genutzt wurde, war der Vollzug der Strafen aktenkundig zu machen:

  • "Des gezüchteten Kindes Vor- und Zuname
  • Alter des Kindes
  • Tag und Stunde der vollzogenen Züchtigung
  • Art der vollzogenen Züchtigung (Züchtigungsmittel, Strafmaß usw.)
  • Kurze Begründung der Notwendigkeit der vollzogenen Züchtigung
  • Waren andere Strafen für das gleiche Vergehen des Kindes vorangegangen, bzw. welche?
  • Namensbeischrift der Lehrperson, welche die Züchtigung vollzog." 1

Was der Lehrer eintrug, das kontrollierte die Schulaufsicht. Wohl kaum ein Kind der Familien Dörr, Jahn, Weining, Alt, Roth, Link, Kirst,  Kraus, Merx, Marburger , Fehl  und all der anderen Hinkelhofer Familien wird ohne Schläge die obligatorische sechsjährige Schulzeit hinter sich gebracht haben.

Strenge Schulregeln – Selbst das Sitzen war reglementiert

Es ist für uns heute gar nicht mehr vorstellbar, nach welch strengen Regeln sich die Jungen und Mädchen im Unterricht verhalten mussten. Normiert waren die Sitzhaltung in der Bank, das Melden, das Aufschlagen des Lesebuchs auf Kommando, die Blickrichtung der Augen beim Antworten – kurz, die gesamte Interaktion war bis in Details hinein vorgeschrieben und eingedrillt. Die Schulregeln verpflichteten alle Lehrer der 30000 preußischen Volksschulen dazu – mehr als die Hälfte waren einklassige Dorfschulen -, dass sie die Regeln einheitlich und konsequent anwenden; einer von ihnen war Georg Pauli, von 1903 bis zur Schließung der Schule im Jahr 1929, einziger Lehrer in Hinkelhof. 2

Pauli absolvierte seine Ausbildung in der Präparande in Schlüchtern. Hier erwarb er das päd-
agogische Rüstzeug für seinen späteren Unterricht. Sein Bild vom guten Lehrer prägte das hier wie überall in Preußen eingeführte Handbuch der unumstrittenen Autorität der Volks-schulpädagogik im Kaiserreich, Karl Kehr. Dessen Werk über die „Praxis der Volksschule – Wegweiser zur Führung einer geregelten Schuldisziplin und zur Erteilung eines methodischen Schulunterrichts“, 1883 erschienen und mehrfach aktualisiert, entwickelte sich  zu dem verbindlichen Standardwerk der Volksschulpädagogik,  zu einer Art preußischer Schulordnung. 3    

Wenige Beispiele daraus,  die auch dem Unterricht in Hinkelhof Sinn und Richtung gaben, können  uns zumindest eine Ahnung vom äußeren Ablauf einer normalen Schulstunde vermitteln:

„Der Lehrer hat vor Beginn des Unterrichts darauf zu halten,

  • dass alle Schüler anständig, gerade, mit dem Rücken angelehnt und in Reihen hintereinander sitzen….. ;
  • dass die Füße parallel neben einander auf den Boden gestellt werden, damit das Übereinanderschlagen der Beine und das Hin- und Herscharren mit den Füßen nicht stattfinden kann;
  • das jedes Kind seine Hände geschlossen auf die Schultafel legt, damit alle Neckereien und Spielereien auf der Tafel und alle ungehörigen und unsittlichen Beschäftigungen unter derselben unmöglich gemacht werden;
  • dass sämtliche Schüler dem Lehrer fest ins Auge schauen, damit alles Sprechen, Plaudern, Lachen… Hin- und Herrücken, neugieriges Umhergaffen, träumerisches Hinstarren usw. hintangehalten wird. …..

Der Lehrer hat während des Unterrichts darauf zu achten,

  • dass alle Schüler beim Melden bescheiden den Zeigefinger der rechten Hand erheben und den Ellbogen des rechten Armes in die linke Hand stützen;
  • dass die Schüler ihre Bücher auf Kommando in drei Schritten heraufholen und hinwegtun: Auf ‚Eins’ erfassen die Kinder das unter der Schultafel liegende Buch, auf ‚Zwei’ erheben sie das Buch über die Schultafel…und beim Zeichen ‚drei’  legen sie es geräuschlos auf die Schultafel nieder, schließen die Hände und blicken den Lehrer an; 
  • dass sich der Schüler beim Antworten rasch von seinem Platz erhebt, gerade steht, dem Lehrer fest ins Auge schaut und die verlangte Antwort frisch und laut, einfach und bestimmt gibt“. 4 (Kursive Hervorhebungen im Original)

    In diesen Regeln konkretisieren sich die in jener Epoche  als Ideal gesetzten Erziehungsnormen der preußischen Volksschule: Gehorsam, Ordnung, Disziplin.  Es sind  Tugenden, die sich damals vornehmlich an den Erfordernissen des Militärs orientierten. Hingegen weist die gesamtgesellschaftliche Bedeutung preußischer Werte, die sich im Laufe der Zeit, nicht zuletzt aufgrund der leidvollen Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, bis heute zu guten deutschen Eigenschaften weiterentwickelt haben,  ein viel breiteres Spektrum auf: Pflichtbewusstsein,  Gerechtigkeitssinn, Bescheidenheit, Unbestechlichkeit, Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnung, Toleranz u. a. sind aus preußischen Tugenden abgeleitete Werte, nach denen wir heute leben, und die uns lebenslang Orientierung geben.

    Erziehungsprinzip: Wer sein Kind liebt, der züchtigt es

    Körperliche Züchtigung zur Disziplinierung und Bestrafung der Schulkinder war zu jener Zeit überall staatlich sanktioniert und wurde gesellschaftlich als notwendiges und legitimes  Er-ziehungsmittel akzeptiert, im Pfarrhaus wie im Haus des Tagelöhners. Das Bürgerliche Gesetzbuch  aus dem Jahr 1896 (§ 1631)  gestand Lehrern wie Eltern  das Recht zu, die ihnen anvertrauten Kinder zu züchtigen. Schläge, so war die herrschende Auffassung,  seien ein taugliches  Mittel, um das Kind  „zum Besseren hin zu erziehen“. 5 Und rechtfertigt  nicht sogar die Bibel die Prügelstrafe? Wer sein Kind liebt, der züchtigt es, heißt es in den Sprüchen 13, 24. Mehr noch, ist es nicht sogar des Lehrers und der Eltern heilige Pflicht, das Kind zu züchtigen und es zu einem gehorsamen , fleißigen und disziplinierten Menschen zu machen?

    Ganz in diesem Sinne bereitete die Präparande auch Georg Pauli und all die anderen angehenden Lehrer auf ihren Unterricht vor. Ihre Ausbilder bläuten ihnen ein, dass körperliche Züchtigung das Lernen fördert und die Charakterbildung begünstigt, allerdings nur dann, wenn der Lehrer die Strafe mit einer pädagogisch positiven Geisteshaltung vollzieht.

    Wie denn  die rechte Gesinnung des Lehrers geartet sein soll, wenn er zum Stock greift, das geben ihm die Leitsätze des erwähnten Wegweisers vor: „Niemals unbeherrscht, leidenschaftlich und rachsüchtig“ soll er   züchtigen. „Nie vergessen, dass die Strafe die bittere Arznei ist, welche er als Seelenarzt dem Kranken geben muss, um dessen sittliche Gesundheit wiederherzustellen. Denn auch der Arzt, der den Kranken heilen soll, darf ihm nicht böse sein. …..  Darum muss der Schüler bei der strengsten Strafe die wohlmeinende Absicht des Lehrers durchfühlen.  Man muss wehe tun, um wohl zu tun.  Nur zürnende Liebe darf die Strafe verhängen und vollziehen. Nur derjenige Lehrer wird die Rute in rechter Weise ge-brauchen, der die Kinder von Herzen lieb hat. Wenn aber der Lehrer ohne das Wohlwollen und ohne Liebe straft, dann erniedrigt ihn seine Züchtigung zu einem grausamen Despoten.“ 6 Hier geht es um die Züchtigung von Schulkindern, mit zürnender Liebe. Als mute nicht schon dies, das Hauen und Schlagen der Schüler mit Liebe, wie eine Groteske an, überbietet sich der Experte der Volksschulpädagogik mit dem Vorschlag,  dass man auch schon „kleine (1bis 2jährige) Kinder körperlich züchtigen“ solle, denn, „vernünftig bemessen“, sei dies „eine Art Anschauungsunterricht, bei dem sie erfahren: Tue nichts Böses, so widerfährt dir nichts Böses. Ein Bäumchen kann man biegen, einen Baum nicht mehr! Die späteren körperlichen Züchtigungen sind meist nur deshalb unnütz, weil sie zu spät kommen“. 7

    Obwohl heute Begründung und Rechtfertigung der körperlichen Züchtigung vor hundert Jahren wie Relikte aus dem finsteren Mittelalter anmuten,  muss man der Schule des beginnenden 20. Jahrhunderts zugute halten, dass sie sich pädagogischen Reformideen langsam öffnete. So sollte jetzt bei der Strafaktion die Zufügung von Schmerzen auf bestimmte Körperteile ausgeschlossen sein. „Schulstrafen dürfen niemals eine Gesundheitsschädigung herbeiführen. Körperliche Züchtigung soll nur bei moralischen Fehlern, Bosheit oder Rohheit, nie bei Versäumnissen Platz greifen. Schläge sind zulässig auf die flache Hand und bei Knaben auf das Gesäß, niemals an Kopf und Ohr, in Kniekehlen und Unterleib“,  und bei Mädchen auf den Rücken oder auf die linke Hand. 8  . Ein Fenster in die Zukunft stößt der Autor des Wegweisers auf mit der Erkenntnis: „Ein Schulmann, der seine Schüler oft körperlich züchtigen muss, ist ein schwacher Mann, der nicht die Fähigkeit hat, durch die Kraft des Geistes sich bei seinen Schülern Achtung zu verschaffen.“ 9

    Deutscher Bundestag 2000: Körperliche Bestrafungen sind unzulässig.

    Dass Schläge zum Schulalltag gehörten, genauso, wie sie im Hinkelhofer Strafbuch protokolliert sind, hat der Verfasser noch selbst in seiner eigenen Schulzeit erfahren, denn bis zum Jahr 1973 stand den Lehrern in der Bundesrepublik Deutschland ein Züchtigungsrecht zu.  Zwar hatten mehrere Bundesländer schon lange vorher die Prügelstrafe in der Schule de jure abgeschafft. So wurde in Hessen bereits 1946 amtlich die „körperliche Züchtigung ausdrücklich untersagt“. 10 Doch die Schulpraxis  war eine ganz andere. Körperliche Züchtigung galt als eine Art Gewohnheitsrecht der Lehrer. Deshalb  bedurfte es in all den Jahrzehnten noch vieler Verordnungen und Erlasse der Kultusminister der Länder, um körperliche Züchtigung aus der Schule allmählich zu verdrängen. 11Erst im Jahr 2000 zog der Deutsche Bundestag einen Schlussstrich unter die immer wieder aufflackernde Diskussion über das Für und Wider einer „maßvollen“ körperlichen Züchtigung in der Schule. Der novellierte § 1631 des Bürger-lichen Gesetzbuches bestimmt jetzt klipp und klar:   »Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig«. Schlägt eine Lehrkraft einen Schüler oder eine Schülerin, wird sie automatisch disziplinarrechtlich und strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen.

    Dass heute die körperliche Züchtigung in der Schule durch Gesetz grundweg verboten ist, resultiert zum einen aus der generellen Ächtung von Gewaltanwendung in den alltäglichen Lebenswelten. Und gar körperliche Züchtigung in der Schule läuft nach dem Credo der modernen Pädagogik den Zielen der Erziehung zur Demokratie, zur Mündigkeit, Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung zuwider, da „sie das erzieherische Verhältnis, das auf gegenseitiger Wertschätzung  beruht,  aufhebt, indem sie den Schüler zum Delinquenten und den Lehrer zum Exekutor erniedrigt“. 12 Schließlich hat uns die Forschung über die Lernmotivation der Schulkinder aber auch ganz simple und praktische Argumente für das Verbot der körperlichen Züchtigung  geliefert: Wird ein Kind für seine Anstrengung gelobt, fördert das sein Lernen, Schläge blockieren es.  Das ist ein kultureller Sprung allererster Größenordnung vom Hinkelhofer Schulalltag vor hundert Jahren zur Schule von heute, von der gesellschaftlichen Anerkennung der körperlichen Züchtigung bis zu ihrer Ächtung.

    Eltern im Meinungsstreit über körperliche Züchtigung

    Bis in die 1960er Jahre hinein beurteilte die Elternschaft körperliche Züchtigung in der Schule noch ganz kontrovers.  Wenn man’s genau nimmt,  gab’s bis in die jüngste Zeit kein einheitliches Meinungsbild gibt. Dass Eltern die „maßvolle und vernünftige körperliche Züchtigung in der Schule außer bei Mädchen und mangelnder Leistung bei Jungen“ für ein angemessenes erzieherisches Mittel hielten, und mit 60 Prozent für die Beibehaltung von Schlägen im Klas-senzimmer votierten, zeigt das Ergebnis einer Umfrage im Nachkriegsdeutschland. 13 Noch 1960 setzte der Senator der Schulbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg einen Erlass in Kraft, der körperliche Züchtigung „als letztes Mittel erlaubt, und zwar nach gewissenhafter Überlegung in maßvoller Weise“. Die Züchtigung sollte, so der Schulsenator, mit einem „amtlich genehmigten Rohrstock erfolgen“, dessen Verwendung Mediziner für unbedenklich erklärt hatten. Damals kam weder von Eltern noch von Lehrern massiver Protest gegen diese Bestimmung.14

    Ja, vielleicht meinen noch immer manche Eltern, bei Fehlverhalten ihrer Kinder dürfe der Lehrer durchaus mal ohrfeigen oder einen Klapps verabreichen.  Auch in unseren Nachbar-staaten ist die Elterneinstellung nicht grundsätzlich anders, in manchen sogar rigider, als man vermutet. Ein Blick hinüber nach England: 2014 war’s, dass bei einer Umfrage unter den Eltern schulpflichtiger Kinder knapp die Hälfte dafür stimmte, dass „in Fällen besonders schwerer Disziplinlosigkeit“ körperliche Züchtigung mit „Rohrstock und Ohrfeigen“ wieder eingeführt werden sollte. 15

    In der Schulzeit des Verfassers war ein Kind schlecht beraten, wenn es sich seinen Eltern anvertraute und ihnen die Hiebe durch den Lehrer beichtete. Zumeist quittierten sie sein Geständnis mit einer weiteren Strafe, denn, so ihre Logik, die Amtsperson Lehrer wird schon ihre guten Gründe für die Bestrafung gehabt haben und ihrem Sprössling sei nur recht geschehen, und Schläge haben schließlich noch keinem geschadet. 

    Züchtigungsarten und Züchtigungsmittel

    Kehren wir wieder zurück zum Alltag in der einklassigen Hinkelhofer Schule, und nehmen wir die Eintragungen ins Strafbuch genauer unter die Lupe. Protokolliert sind hier nur die großen, quasi „offiziellen“ Züchtigungen mit mehreren Stock-Schlägen, die am Ende der Stunde oder in der Pause erteilt wurden.

    Die fast zeremoniell inszenierte Bestrafung hatte zwei Ziele: Zum einen, um dem jeweiligen Kind wegen seines Ordnungsverstoßes einen Schmerz zuzufügen und es dadurch zu „bessern“; zum anderen sollte ein Exempel statuiert werden zur Abschreckung der anderen Jungen und Mädchen. 

    Obwohl das Formblatt auch die Angabe der Züchtigungsmittel fordert, macht Lehrer Georg Pauli  dazu keine Eintragungen. Er wird darauf verzichtet haben, weil er davon ausgehen konnte, dass die gebräuchlichen Züchtigungsinstrumente Weidenrute, Haselnussstock und Rohrstock hinlänglich bekannt sind. 

    Die vielen anderen, ständigen quasi lehr- und lernbegleitenden schmerzhaften „pädago-gischen Interventionen“, die in jedem Augenblick aus dem Unterricht heraus entstehen konnten,  um zu ermahnen, zu tadeln,  zur Gesinnung zu bringen und Denkzettel zu verpassen oder, gut gemeint, um  anzuspornen und auf die Sprünge zu helfen, wurden verständlicher Weise nicht förmlich festgehalten. Das wäre auch so aufwendig gewesen, dass fürs Kopfrechnen, Liedaufsagen und Schönschreiben  überhaupt keine Zeit mehr übriggeblieben wäre.  Solche spontan aus dem Augenblick entstandene Züchtigungen waren Ohrfeigen, Kopfnüsse, Ohren lang Ziehen und vor allem  einzelne Stockhiebe auf die hinzuhaltende Hand, vornehmlich auf den Handteller oder die Finger, eher auf die Fingerkuppen der linken Hand, damit die rechte, die obligatorische Schreibhand, geschont wird. In der Schulzeit des Verfassers  bevorzugten vor allem Lehrerinnen Stockschläge auf die Hand; Mitschülerinnen und  Mitschüler, die aus Schlesien und dem Sudetenland kamen, nannten das „Tatzengeben“.

    Warum körperliche Züchtigung sein musste – Waren wirklich alle faul?

    Ins Hinkelhofer Strafbuch protokollierte der Lehrer gemäß der für alle preußischen  Volks-schulen geltenden Dienstanweisung eine „kurze Begründung der Notwendigkeit der voll-zogenen Züchtigung“. Was waren das nun für Delikte, die er mit Stockschlägen ahndete? Es fällt auf, dass die Gründe für die Strafaktionen nicht vorwiegend Störungen des Unterrichts im heutigen Sinne waren, also von Schülern  bewusst herbeigeführte Zwischenfälle, die das Lehren und Lernen in dem vollen Schulsaal beeinträchtigen, unterbrechen oder gar unmöglich machen.  Vielmehr begründete der Lehrer seine Schläge in rund der Hälfte aller Fälle mit  „Unfleiß“. Wir verwenden dieses schon damals etwas gestelzte Wort nicht mehr, sondern sprechen von Faulheit.

    Es ist anzunehmen, dass für den  Lehrer Georg Pauli jede nicht ausreichende Schülerleistung,  zunächst einmal  generell  den Tatbestand des Unfleißes erfüllte, und dass er Leistungsmängel - nach unserer Einschätzung ganz unreflektiert – als Leistungsverweigerung und Ausdruck einer Protesthaltung beurteilte. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts empören uns über die Erziehungspraxis vor hundert Jahren, und manche nennen sie „Prügelpädagogik“, aber mehr noch bringt uns ihre Rechtfertigung aus der Fassung. Denn der Vorwurf des Unfleißes bezog  sich in der Regel auf fehlende oder nur unzureichend gemachte Hausaufgaben: Sei es, dass ein Kind das Gedicht nicht flüssig aufsagen konnte, die Schiefertafel nicht akkurat genug beschrieben hatte oder beim Kopfrechnen noch immer die Finger zur Hilfe nehmen musste. Was damals die Lehrer in ihrer Amtssprache pauschal als Unfleiß beurteilten und mit Schlägen sanktionierten, ist, wie man heute weiß, oft nichts anderes als Symptom einer Minderbegabung oder die Auswirkung einer eingeschränkten psychischen Leistungsfähigkeit, die es dem Kind trotz Anstrengung und Fleiß nicht ermöglicht, die geforderte Lernleistung zu bringen und den Anschluss an Lerntempo und Lernniveau seiner Gruppe zu halten.

    Aber es gibt noch einen weitaus wichtigeren Grund dafür, dass manche Hinkelhofer Kinder mit unvollständig gemachten Hausaufgaben in die Schule kamen und infolgedessen  wegen Unfleiß bestraft wurden: Der Grund liegt in ihrem häusliches Umfeld - ihrem  Einsatz als volle Arbeitskraft in Haus und Hof und auf dem Feld.  Denn Kinderarbeit war in unserer Heimat gang und gäbe. Für Schulaufgaben fehlten den Kindern oft einfach Zeit, Kraft und Ruhe. 

    Zwar hatte der Reichstag 1893 Kinderarbeit für  Jungen und Mädchen unter 14 Jahren in Fabriken und Bergwerken  abgeschafft, aber das Verbot berührte nicht den vollen Einsatz der Kinder in Familienbetrieben – in Heimarbeit und Landwirtschaft. Hier war die Arbeit auch der unter Zehnjährigen ausdrücklich erlaubt. 16Dass die Arbeit in der Landwirtschaft „die Gesundheit und die Moral der Kleinen nicht schädigt“, sondern sogar von Vorteil sei, da sie „die Kinder frühzeitig an eine für ihre körperliche und geistige Ausbildung förderliche Tätigkeit gewöhnt“, darüber herrschte gesellschaftliches Einvernehmen in jener Zeit. Zugleich warnte die Obrigkeit aber auch vor der „übermäßigen Inanspruchnahme“ der Kleinen und der „missbräuchlichen Ausdehnung der Kinderarbeit namentlich auf Kosten der Schulbildung“.
    17 Doch solche gut gemeinten Appelle vom grünen Tisch stießen bei den Eltern auf taube Ohren, denn weder die wohlhabenden Pferdebauern noch die geringen Leute mit zwei Kühen oder ein paar Ziegen konnten auf die Arbeit ihrer Kinder verzichten. Zu säen und zu ernten, meistens in Hast und Hetze, um die Familie mit dem täglichen Brot zu versorgen und den Hof zu erhalten – all das war existenziell und hatte Vorrang vor den Schulaufgaben.

    Kinderarbeit in unserer Heimat

    Im Bergwinkel mussten Kinder von Frühjahr bis Herbst in Hof und Feld mitarbeiten. Besonders hetzig ging’s im Sommer zu, in der Heuernte. Dafür verordnete der Landrat sogar einige Tage schulfrei, die sogenannten Heuferien, aber nur für die Dörfer, nicht für die Stadt Schlüchtern. Da herrschte Hochdruck, denn das frisch gemähte Gras musste schnell,  in zwei, drei Sonnentagen gedörrt sein und vor dem nächsten Regen ins Trockene gebracht werden.  Ganz natürlich  mussten jetzt auch die Kleinen mit ihren Kinderrechen im Rhythmus der Erwachsenen das Gras wenden, zusammenrechen, auf Haufen setzen, und zuhause, wenn das Heu auf den  Heuboden gegabelt wurde, kam das Schlimmste auf sie zu: Sie mussten es mit Händen und Füßen zusammenpressen, dämmeln, wie es in unserer Heimat hieß, denn dort unterm staubigen Scheunendach waren Ecken eng und Schrägen niedrig, so dass sich dort nur Kinder wegen ihrer geringen Körpergröße bewegen konnten. In solchen Wochen größter Anspannung und auch später im Jahr bei der Ernte der Feldfrüchte – dafür gab’s einige Tage Kornferien – waren die Kinder als volle Arbeitskräfte eingesetzt, und sie schafften und rackerten wie die Erwachsenen, so weit es ihre Kräfte zuließen.  Das Heu trocken einzufahren oder die Kartoffeln noch vor der Herbstnässe in den Keller zu schaffen, war lebenswichtig  für die großen und die kleinen Bauern.

    Auch wenn der Hochbetrieb beim Heuen und Ernten nachließ, waren die Kinder das übrige Jahr über voll eingespannt. Zu den üblichen Kinderarbeiten in unserer Region gehörten zum Beispiel: Kühe und Ziegen hüten, auf die jüngeren Geschwister aufpassen, Quetschen  ent-steinen zum Einkochen der Latwerge, Kartoffeln abbröckeln (Keime abreiben), samstags die Straße  fegen, kurz alles, was sie mit ihrer Kinderkraft schaffen konnten. Freizeit, wie wir sie heute kennen, als frei verfügbare Zeit, Freizeit, in der man nicht arbeiten muss, sich erholen und seinen Interessen nachgehen kann, die kannten die Hinkelhofer Kinder damals  nicht, allenfalls sonntags, wenn alle Arbeit ruhte, blieben nach obligatorischem Kirchgang und dem Mittagessen ein paar Stunden zum Spielen und Zeit, um mit anderen ein bisschen herumzu-streichen, aber sonst waren ihre Tage ausgefüllt mit Arbeit in Haus und Hof und draußen auf dem Feld. Dazwischen machten sie eilig die Hausaufgaben am Küchentisch, so gut es ging, denn das ganze Familienleben spielte sich in der Küche ab, und einen Platz, an dem sie hätten ungestört ihre Aufgaben hätten erledigen können, gab’s im ganzen Haus nicht.

    Die vielen Schläge des Lehrers Georg Pauli wegen Unfleißes haben die Kinder in Hinkelhof nicht verdient,  meinen wir heute, denn dem Menschenschlag im kargen Bergwinkel war nichts so fremd wie Faulheit und Müßiggang. Und so wie ihren Eltern und den Generationen vor ihnen ist auch ihnen schon in die Wiege gelegt worden: Überleben im Land der armen Hansen kann man nur durch Fleiß und Arbeitssamkeit.    

    Lehrer oder Schläger?

    Was in der Hinkelhofer Volksschule damals gang und gäbe war, so wie in allen preußischen Volksschulen unter Kaiser Wilhelm II., mag viele entrüsten, weil es so überhaupt nicht zu vereinbaren ist mit unseren Bildungs- und Erziehungsprinzipien und mit modernen Methoden, mit denen Lehrerinnen und Lehrer heute die Kinder fordernd und fördernd durch ihre Schulzeit führen. Gelegentlich bezeichnen heutige Wissenschaftler den Umgang mit Kindern, wie er in der Hinkelhofer Schule und überall gesellschaftlich anerkannt und normal war, als „schwarze Pädagogik“, nach unserem Empfinden verständlich. Anderseits muss man zugestehen, dass das preußische Schulwesen sowie Organisation und Inhalte der Lehrerausbild-ung um 1900 allen europäischen Ländern und den USA weit voran und beispielgebend waren.

    Doch was vor hundert Jahren in der Schule geschah, ist Geschichte. Sie lässt sich nicht nach-träglich nach unserem heutigen Gusto verändern. Die Art des Unterrichts, wie ihn Lehrer Georg Pauli in Hinkelhof gestaltete, und wie sie uns im Hinkelhofer Strafbuch begegnet, spiegelt nun einmal den Geist jener Epoche in den beiden ersten Jahrzehnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider, und den wiederum, das ist ein geschichtliches Gesetz, prägten die herrschenden politischen und sozialen Verhältnisse.Auch Georg Paulis Generation ging davon aus, dass mit ihr die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht habe. Deshalb betrachten wir die Praxis der körperlichen Züchtigung, wie sie uns in Hinkelhof und in allen Schulen Preußens jener Zeit begegnet, als ein Phänomen, das zunächst einmal jenseits aller Verurteilung und Polemik verstanden werden will.  

    Er war eben ein Kind seiner Zeit, der Lehrer Georg Pauli, der nach den Vorschriften der Dienstordnung, dem Gesetz verpflichtet, pflichtgemäß und korrekt und sicher auch mit gutem Gewissen und ohne sadistische Neigung seine Schülerinnen und Schüler körperlich züchtigte, wenn sie wegen Unfleiß, Unaufmerksamkeit und Trotz gegen die Schulordnung verstoßen hatten. Sein Verhalten nach heutigen Moral-Maßstäben zu beurteilen oder ihn gar als Schläger an den Pranger zu stellen, stünde uns nicht zu. Gewiss unterrichteten früher auch Lehrer, welche die von der Obrigkeit anempfohlene körperliche Züchtigung aus Lust am Quälen nutzten, wie hundert Jahre zuvor etwa jener Steinauer Lehrer Zinckhan, den Ludwig Emil Grimm in seinen Erinnerungen als  einen Kinderquäler schildert, als ein Scheusal, dem das Prügeln offensichtlich so sehr Lust bereitete, dass er seinen „Stöcken und kurzen ledernen Peitschen Namen gegeben hatte, und je nach  Strafe wurde für deren Vollzug der jeweilige Stock oder die jeweilige Peitsche gewählt“. 19 Nein, Georg Pauli war gewiss ein guter Beamter, eine Respektperson im Beruf, erwähnt 1915 in der Kirchenchronik als „selbstloser“ Helfer, und so wohlgelitten im ganzen Dorf, dass er als Ruheständler 1942 das Schulgebäude kaufte und als angesehener Mitbürger seinen Lebensabend in Hinkelhof verbrachte.

    Wenn er uns  Lebenserinnerungen hinterlassen hätte, fände sich als Resümee seines Lebens bestimmt der Satz: Ich habe mein ganzes Berufsleben lang nach bestem Wissen und Gewissen die Hinkelhofer Mädchen und Jungen zu ordentlichen, fleißigen und lebenstüchtigen Mensch-en erzogen, mit Strenge und Schlägen, aber stets aus zürnender Liebe. Nur einmal musste ihn sein Vorgesetzter rügen:  Als der Geheime Regierungs- und Schulrat Bassermann am 22. Mai 1917 Georg Paulis Strafbuch kontrollierte, beanstandete er, wie der stachelige Duktus seiner Schrift verrät,  recht verärgert, dass in der Rubrik „Art der vollzogenen körperlichen Züchtigung“ nicht angegeben ist „Wohin“, also auf welchen körperlichen Zielbereich, die Schläge verabreicht wurden. Diensteifrig kam Georg Pauli der Weisung des Vorgesetzten nach und ergänzte:  bei Mädchen „auf den Rücken“ und bei Jungen „aufs Gesäß“.

    Quellen und vewendete Literatur; Anmerkungen

    1. „Verzeichnis der in der einklassigen Volksschule zu Hinkelhof vollzogenen körperlichen Strafen“. Vom 12.3. 1912 bis 2.5. 1919. Im Folgenden kurz „Strafbuch“ genannt. Nach 1919 wurden die übrigen Seiten des Strafbuches für die Auflistung des zu behandelnden Stoffes in den einzelnen Schulfächern Religion, Lesen, Naturkunde usw. nach Schuljahren bis 1923/24 aufgebraucht. Deshalb hat der Lehrer das Deckblatt in „Pensenverteilung der Schule in Hinkelhof“ umetikettiert. Aufbewahrung im Stadtarchiv Schlüchtern.
    2. Georg Pauli, am 1. Oktober 1878 in Schlüchtern geboren, absolvierte die Lehrerausbildung in der Präparande in der Kreisstadt und starb am 26. Oktober 1945 in Hinkelhof. Nach der Schließung der Hinkelhofer Schule unterrichtete er bis zur Pensionierung an der neuen, gemeinsamen Schule in Vollmerz.  - Die Hinkelhofer Schule wurde 1929 geschlossen. Von da an gingen die Kinder in die neue gemeinsame Schule in Vollmerz. Georg Pauli kaufte 1942 das leerstehende Schulgebäude und wohnte dort bis zu seinem Tod 1945. Siehe hierzu: Andreas Rohnke, 650 Jahre Hinkelhof. Schlüchtern, Druckerei Griebel, Schlüchtern 2005)
    3. Kehr, Karl: Die Praxis der Volksschule. Ein Wegweiser zur Führung einer geregelten Schuldisziplin und zur Erteilung eines methodischen Schulunterrichts für Volksschullehrer. Gotha, 13. Aufl. 1913.
    4. Kehr, a. a. O., S. 66 ff.
    5. Meyers Großes Konversationslexikon, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1905, Stichwort „Züchtigung“
    6. Kehr, a. a. O. S. 78 ff.
    7. Kehr, a. a. O. S. 81 ff.
    8. Meyers, Stichwort „Schulgesundheitspflege“
    9. Kehr, a. a. O., S. 84
    10. Großhessisches Staatsministerium. Der Minister für Kultus und Unterricht. Erlass vom 13. Mai 1946, Nr. II/6963/46
    11. Hessisches Schulgesetz vom 17. Juni 1992, § 82 (3)
    12. Das Fischer Lexikon. Pädagogik. Frankfurt M 1964, S. 79
    13. 13. Wilhelm Bayer (o.J.), Aus der Schulgeschichte des Pfarrsprengels. Körperliche 
      Züchtigung, http://www.heimatgeschichte-kirchfarrnbach.de/Schule/t1.htm (eingesehen am: 19.10.2016)
    14. 14. Uwe Bahnsen (15.03.2009), Als der Rohrstock aus den Schulen verschwand,
    15. https://www.welt.de/wams_print/article3378885/Als-der-Rohrstock-aus-den-Schulen-verschwand.html, (eingesehen am: 19.10.2016)
    16. 24/dpa ( 16.09.2011 ), Renaissance des Rohrstocks in England?, http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Panorama/d/1358782/renaissance-des-rohrstocks-in-england-.html (eingesehen am: 19.10.2016 )
    17. Gesetz, betr. Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben. Deutsches. Reichsgesetzblatt Bd. 1903, Nr. 14, S. 113-121
    18. Meyers, Stichwort „Kinderarbeit“
    19. Olaf Thomsen, Wie Preußen zur Schule kam. Von der ersten Schulpflicht zum entwickelten Bildungssystem 1717 bis 1900. Hrsg. Axel Koziol, 14641 Nauen OT Ribbeck, 2015. S. 6.          
    20. Zitiert nach: Mit und ohne Zeigestock – Die Märchen der Brüder Grimm auf Schulwandbildern 1903-1995. Katalog der Sammlung. Herausgegeben von Burkhard Kling, Neustadt an der Weinstraße 2012, S. 12