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Wilhelm Prasent (1896 - 1976)

Wilhelm Prasent (1896 - 1976)

"Schlüchterner Gestalten", dieser Buchtitel, den Wilhelm Praesent seinem letzten Werk gab, ist eine seiner vorzüglichen Formulierungen, schlicht und einfach, aber den Inhalt der Schrift treffend charakterisierend.

34 bedeutende Personen aus sieben Jahrhunderten, die, jede auf ihre Weise, gestaltend auf das Leben in unserer Heimat eingewirkt haben, hat der Verfasser für uns zu neuem, geistigem Leben erweckt. Die Auswahl gerade dieser Gestalten und die Art ihrer Verlebendigung sagen nicht nur über diese aus, sondern lassen für den Freundeskreis Praesents viele Züge seines eigenen Lebens erkennen und neu verstehen. Die Kongenialität des Verfassers mit den von ihm geschilderten Gestalten ist unübersehbar. So ist für alle, die Praesent kannten und schätzten, selbstverständlich, daß seine Person, sein Leben und Wirken die von ihm dargestellte Reihe bedeutender Menschen unserer Heimat beschließen soll.

Wilhelm Praesent war Großstädter. Er wurde am 24. März 1896 in Frankfurt geboren. Sein aus Norddeutschland stammender Vater war Maler und Stukkateur, der seinem Sohn die künstlerische Begabung vererbt hat, die später in zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen ihren Ausdruck fand. Den Stammbaum der Mutter, einer geborenen Lotich, konnte Praesent bis zu der in Niederzell alteingesessenen Familie Lotz zurückverfolgen, aus der das Geschlecht der Lotichier hervorging, das den Reformator des Klosters Schlüchtern und dessen Neffen, den berühmten neulateinischen Dichter Petrus Lotichius secundus, hervorbrachte.

Praesent hat sich, und das ist typisch für seine Bescheidenheit, dieser genealogischen Entdeckung nie gerühmt, so daß nur wenige davon wußten, und diese erfuhren es mehr beiläufig, wenn er von dem Blut der Lotichier sprach, von dem er einige Tropfen geerbt habe. Das war kein Ausdruck des Stolzes, sondern die poetische Antwort auf die oft an ihn gestellte Frage, wie er als Großstädter zu solcher Verbundenheit mit dem Bergwinkel gekommen sei. Auch sein Hinweis auf das Schlüchterner Brot, mit dem er groß geworden sei, (das war in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg in Frankfurt als besonders schmackhaft und gesund geschätzt) ist ein Beispiel für sein anschauliches Denken und Sprechen.

Auch eine geistige Beziehung bestand schon zwischen dem 14jährigen Schüler und Schlüchtern. In dem Frankfurter evangelischen Gemeindeblatt erschienen in regelmäßigen Abständen Aufsätze unter der Überschrift "Sonnenzeller Briefe" oder "Nebelzeller Briefe" von einem Georg Flemmig, die besonders die jungen Leute stark beeindruckten. Als Praesent 1910 seine Volksschullehrerausbildung in Schlüchtern begann, da suchte der Jüngling die Bekanntschaft des 17 Jahre älteren Lehrers. Bald bahnte sich zwischen den beiden geistesverwandten, wenn auch sonst so verschiedenen Menschen eine enge Freundschaft an, die für den Lebensweg des Jüngeren richtunggebend wurde. Praesent sagte das so: "Zur Heimat wurde mir die Schlüchterner Erde erst, als Georg Flemmig mir Heimat und den Weg zu ihr zeigte." Was die beiden noch fester verband, war ihr gemeinsamer, unerschütterlicher christlicher Glaube.

Nach der Abschlußprüfung im Frühjahr 1916 begann für den jungen Lehrer die unterrichtliche Tätigkeit, anfangs schnell wechselnd, in Schlüchtern, Frankfurt und Weilers. Das kleinbäuerliche Großenhausen im Kreis Gelnhausen hielt ihn drei Jahre fest. Mit zahlreichen Zeichnungen und Gedichten schildert der Großstädter die Entdeckung des Dorflebens, das er als Idylle erlebte, ohne die oft harte Wirklichkeit des Kleinbauerndaseins zu übersehen.

Endlich kam der Ruf ins Land seiner Sehnsucht. Die Berufung nach Weichersbach versetzte ihn mitten in eine geschichtsträchtige Landschaft, die ihn mit der Erforschung der drei Burgen und ihrer Geschichte beschäftigte. Wertvolle Ausgrabungsfunde, die er an der Burgruine Steckelberg machte, sind im Buttenzimmer des Heimatmuseums aufbewahrt.

In Breitenbach fand Praesent endlich einen festen Sitz. Von dort aus setzte er zu Fuß und mit dem Fahrrad seine intensive Bestandsaufnahme alles dessen fort, was für Geschichte, Volkskunde, Volkssprache, Kunst, Wirtschaft, soziale Struktur wichtig ist. Gemeinde- und Klosterakten und die Bestände vieler Archive wurden befragt. Im Mittelpunkt stand für Praesent immer der Mensch. Doch nicht nur die Lebenden waren ihm wichtig; auch das Heer der Toten, das ihm in mündlicher und schriftlicher Überlieferung oder auf Inschriften in Kirchen, Friedhöfen oder im Felde stehenden Steinkreuzen begegnete. "Ich kenne mehr Tote als Lebende," war eine seiner lapidaren Aussagen, die er im Vorwort der 2. Aufl. der Bergwinkelchronik so formulierte: "Die Vergangenheit ist einfach eine lebenswichtige Dimension. Die Toten wärmen die Lebenden".

In Breitenbach schloß Praesent im Jahre 1924 die Ehe. Bezeichnenderweise fand die Einsegnung am Ort seiner Konfirmation in der Frankfurter Lutherkirche am Geburtstag des Reformators statt. Drei Kinder kamen in Breitenbach zur Welt. Der Jüngste wurde in Remsfeld geboren.

1936 mußte Praesent das ihm zur Heimat gewordene Schlüchterner Land verlassen. Wegen seiner nie verhehlten Ablehnung des Hitlerschen Gewaltregimes verbannte man ihn in das abgelegene Dörfchen Mauswinkel im oberen Vogelsberg, wo einige Eintragungen in der Schulchronik zeigen, daß seine mutige Haltung ungebrochen geblieben war.

Doch der Kreis Schlüchtern konnte ihn nicht entbehren. Der berühmte, aber von den Nazis mißverstandene Ulrich von Hutten sollte mit einer Ausstellung geehrt werden. Da brauchte man den überragenden Kenner, der, vom Schulamt zu diesem Zweck beurlaubt, eine großartige Ausstellung zuwege brachte, die viele seltene Erinnerungsstücke enthielt. Da Praesent auch die Redaktion der Zeitschrift "Unsere Heimat" wieder übernehmen sollte, übertrug man ihm die Lehrerstelle in Vollmerz, von wo er bald nach Gomfritz ausweichen mußte. Die für seine große Familie unzureichenden Wohnungsverhältnisse zwangen ihn, da im Kreis Schlüchtern keine geeignete Lehrerstelle frei war, die Heimat erneut zu verlassen. Remsfeld im Kreis Hornberg war die nächste Station.

Nach Beendigung des Krieges und der Hitlerherrschaft veranlaßte die Stadt Schlüchtern die hessische Regierung, Praesent die Rektorstelle in Schlüchtern zu übertragen, die er aber bald niederlegte, weil ihm die Verwaltungsarbeit zuviel Zeit raubte, die er für seine Forschungs- und schriftstellerischen Arbeiten brauchte. Daß seine Unterrichtstätigkeit dadurch keinen Schaden erlitt, beweist die Liebe und Verehrung, die ihm seine Schüler bis zu seinem Tode entgegenbrachten, ja, darüber hinaus, wie deren Sonderschau zeigte, die sie der von der Buchhandlung Lotz veranstalteten Ausstellung der Werke Praesents hinzufügten.

Nachdem die schlimmen Nachkriegsjahre überwunden waren, konnten die kulturellen Dinge wieder in Angriff genommen werden. Rastlos war Praesent nun tätig. 1955 erschien die erste Nummer des beliebten Bergwinkel-Boten, der von der hessischen Vereinigung für Volkskunde zu den besten Heimatkalendern Hessens gezählt wird. In rascher Folge veröffentlichte Praesent im Bärenreiterverlag Kassel die Ergebnisse seiner jahrelangen Grimmforschungen; vor allem als Krönung der bereits 1933 begonnenen Arbeiten über den Maler Ludwig Emil Grimm, den Prachtband "L. E. Grimm, Erinnerungen aus meinem Leben". Der ganz große Wurf ist ihm gelungen mit dem Bändchen "Das Märchenhaus des deutschen Volkes", das, bald vergriffen, nun in zweiter Auflage erschienen ist. In zahlreichen Aufsätzen, die in der Fuldaer Zeitung und in den KinzigtalNachrichten erschienen sind, breitete Praesent sein umfassendes Wissen über Personen und Geschehnisse der Heimat aus, wobei man immer wieder von seiner lebendigen und anschaulichen Darstellungsweise gefesselt ist. Im Jahre 1968 erschien auf vielfachen Wunsch eine zweite stark erweiterte und reich bebilderte Ausgabe der Bergwinkelchronik

Der Aufbau des Bergwinkelmuseums im Lauterschlößchen ist das alleinige Verdienst Praesents. Das begann mit der Herrichtung der bei der Auslagerung zum Teil beschädigten und meist verschmutzten Gegenstände, eine oft schwere körperliche Arbeit, bei der ihn einige Frauen unterstützten. Die sinngemäße Aufstellung in anfangs beschränkten Räumen zeigt seinen ästhetischen Sinn. Wertvolle Stücke, vor allem in der Hutten- und Grimmstube, verdankt das Bergwinkelmuseum den guten Beziehungen seines Leiters zu den Nachkommen dieser Familien.

Schon als Seminarist kannte Praesent das Kloster bis in alle Einzelheiten, seien es die Glockeninschriften oder die von Professor Weise 1914 freigelegten karolingischen und romanischen Fundamente. Nach 1945 setzte er sich dafür ein, daß die Andreaskapelle, die jahrelang als Kohlenkeller gedient hatte, und die Huttengruft wieder hergerichtet und zugänglich gemacht wurden und daß die wenigen Grabsteine, die zum Teil als Abdeckungen von Abortgruben die Verwüstungen beim Umbau des Klosters im Jahre 1836 überlebt hatten, an würdigen Orten aufgestellt wurden.

Sein umfassendes Wissen vom Bau und der Geschichte des Klosters ist in dem von ihm verfaßten Klosterführer niedergelegt. Klosterführungen unter seiner Leitung beeindruckten Kenner und Laien durch ihre Anschaulichkeit und Praesents Fähigkeit, jede Frage sachgemäß zu beantworten. Auch seine Führungen durch das Heimatmuseum waren bewunderswert. Von jedem Gegenstand wußte er, oft humorvoll, den Verwendungszweck zu erläutern und Fragen nach der Herkunft zu beantworten.

Die rastlose und uneigennützige Tätigkeit Praesents für die kulturellen Belange der Stadt und des Kreises fand ihre Anerkennung durch die Ernennung zum Ehrenbürger am 10. September 1962. "Wieviel wäre verschüttet geblieben von der Vergangenheit, wenn Sie es nicht aus dem Dunkel herausgehoben hätten", sagte der damalige Landrat Jansen. Praesent beschrieb in seiner Dankesrede den Sinn seiner Arbeit: "Der irrt, der behauptet, es sei angesichts der weltumwälzenden Erfindungen und Ereignisse absurd, ein kleines Fleckchen Erde zu umklammern und zu lieben. Unausrottbar sind Heimatliebe und Heimatsinn. Sie stehen keinem großen Gedanken der Menschheit entgegen und können niemals veralten. Wer die Heimaterde segnet, der segnet den Erdball". Und er beschloß seine Rede: "Die Stadt hat mir den ehrenvollsten Brief meines Lebens gegeben. Sie hat damit die Schmach von mir genommen, die mir unter demselben Dach im Jahre 1935 von den braunen Männern widerfahren ist, als man mich für unwürdig befunden hat, auf dem Boden Schlüchterns zu leben". Bald wurde der bescheidene Mensch und große Schweiger bei den in Hessen tätigen Vereinigungen bekannt, die wie er die Vergangenheit wissenschaftlich erforschten. Die Grimmgesellschaft berief ihn in ihren Vorstand, die historische Kommission Kurhessen-Waldeck ernannte ihn zum Ehrenmitglied und der Geschichtsverein Hanau zum korrespondierenden Mitglied.

Die Begabung Praesents, sein Wissen und seine Gedanken andern mitzuteilen, zeigte sich besonders bei seinen Vorträgen. Obwohl er alles Pathos vermied, fesselte er die Zuhörer durch die Anschaulichkeit seiner Rede und das klare Bekenntnis zur Sache. An drei seiner Vorträge sei erinnert. Schon bald nach Kriegsende gedachte er in einer Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. – Vor der Lehrerschaft des Kreises gab er 1955 ein anschauliches Lebensbild "der eindrucksvollsten Persönlichkeit des Bergwinkels", des 1950 verstorbenen Rektors und Ehrenbürgers Georg Flemmig. – Dreiviertel Jahre vor seinem Tode, am 21. April 1975, hielt der schon schwer Kranke in der Ruine Steckelberg seine nach Inhalt und Form originellste Ansprache "an die jungen und alten Freunde der Wahrheit und Freiheit", in der er ein von aller Romantik freies Lebensbild Ulrichs von Hutten zeichnete.

Praesents Lebensabend war durch Krankheit überschattet. Wenn auch seine körperliche Leistungsfähigkeit immer mehr abnahm, so blieb sein Geist bis zuletzt lebendig. Zwar nahm er mit der Herausgabe der Jubiläumsnummer des Bergwinkel-Boten Abschied von der Redaktion, lieferte aber weiterhin Beiträge für den Kalender und die Zeitungen. Vor allem blieb er bis zuletzt der zuverlässige Berater aller Heimatfreunde. Am 17. Januar 1976 schloß er die Augen und fand, von zahlreichen Freunden begleitet, seine letzte Ruhestätte in "seiner" Heimaterde.

Der bescheidene, zurückhaltende Mensch, der selten von sich sprach, enthüllte sein tiefstes Wesen in zwei Gedichten, die sich nur dem ganz erschließen, der ihn wirklich kannte. In dem ersten enthüllt er die geistigen Grundlagen seines Seins, die Heimat und deren große Geister. – In dem zweiten, fünf Wochen vor seinem Tode niedergeschriebenen Gedicht spricht der gläubige Christ.

Karl Schmerbach

AN DER QUELLE DER KINZIG
Ist auch gering nur ihr Schoß,
treulich schenkt' Element er des Lebens.
Ist auch bescheiden ihr Lauf,
Hochkreis des Lebens kränzt' seinen Saum:
Hutten, der Wächter, rief hier sein Volk an,
Lotichius gab ihm der Leier Wohllaut,
Grimmeishausen hob lachend den Spiegel,
Ehrfurcht lehrt' er das Bruderpaar Grimm.

DANK IM 80. LEBENSJAHR
Ich danke Dir, daß ich Dich nennen darf,
ich danke Dir, daß ich Dir danken darf
für Eltern, Frau und Kinder, Enkel, liebe Freunde,
für schöne Erdenwege, Tier und Pflanzen.
Ich danke auch für alles Dunkle, Schwere,
mit Zittern nur sprech' ich es aus,
was ich nicht fassen konnte:
Es kam von Dir aus ewiger Vaterhand

Text und Foto aus dem Buch von Wilhelm Praesent "Schlüchterner Gestalten"

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