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Theodore Levitt (1925 - 2006)

Theodore Levitt

Der Vordenker und Erklärer der modernen Weltwirtschaft stammte aus Schlüchtern-Vollmerz

von Ernst Müller-Marschhausen

 

Die Großen des Main-Kinzig-Kreises

Als vor einem Jahr der stellvertretende Landrat des Main-Kinzig-Kreises, Günter Frenz, das "Bildungshaus" in Gelnhausen eröffnete und zigtausend Interessierte das campusartige Lehr- und Lernzentrum bestaunten, registrierten viele mit Freude, dass die 32 Seminarräume nicht schematisch nummeriert wurden, sondern dass hier Individualität großgeschrieben wird und Weltoffenheit gepaart mit regionaler Identifikation: Jeder Raum hat einen prestigevollen Eigennamen erhalten - und zwar den Namen einer historisch bedeutenden Persönlichkeit, die zwischen dem Hanauer Land und dem Bergwinkel geboren wurde oder hier jemals gelebt und gewirkt hat. Da begegnet uns neben den Namenspaten Grimmelshausen, den Brüdern Grimm und Ulrich von Hutten und all den anderen Großen aus der Region, deren Geschichte jedes Schulkind bei uns kennt, so auch der Name Theodor Levitt.

Bei diesem Namen stutzte mancher. Wer ist das, mag er sich gefragt haben, den die Planer dieses weltoffenen Bildungshauses derselben Premiumklasse zurechnen wie unsere vertrauten heimatlichen Heroen aus Kultur und Wissenschaft? Aus welchem Winkel unseres Kreises kommt der eigentlich? Und was zeichnet ihn und sein Lebenswerk aus, dass man ihm so einen Ehrenplatz in der Galerie der ganz Großen unserer Heimat einräumt?

"Wir haben seinen Namen, seine Persönlichkeit und sein Werk fest verbunden mit einem Lernstudio im 'Campus berufliche Bildung', erklärt der Direktor des Bildungshauses Dr. Karsten Rudolf, denn hier qualifizieren sich berufstätige Studierende in BWL-Studiengängen weiter, nach Programmen, die wir gemeinsam mit Unternehmen und Hochschulen entwickelt haben. Wer hier lehrt und lernt, Dozenten wie Studierende, den sollen die Ideen eines der bedeutendsten Vordenker moderner Marketingtheorien inspirieren: Theodore Levitt aus Vollmerz."

Theodore Levitt: Vordenker und Erklärer der modernen Weltwirtschaft

In Theorie - und ebenso in der Praxis – der internationalen Wirtschaft ist sein Name bekannt. Hier gilt Theodore Levitt als eine Autorität, hier genießt er das Ansehen eines der populärsten Wirtschaftswissenschaftler der Welt. Er war Professor an der Harvard Business School (HBS) in Boston und Herausgeber der "Harvard Business Review" (HBR) Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze über Marketing und Management. Er besetzte seit den 1960er Jahren das wirtschaftswissenschaftliche Theoriefeld, war aber auch geschätzt als Kapazität in der praktischen Beratung weltweit agierender Unternehmen wie Saatchi & Saatchi.

Kundenorientierung statt Produktionsorientierung (1960)

Mit einem Paukenschlag begann er 1960 seine Karriere an der HBS: Sein Aufsatz "Marketing-Myopia" (Marketing-Kurzsichtigkeit) machte ihn über Nacht bekannt, in den USA und in der westlichen Welt. Er ist bis heute der am häufigsten gedruckte Artikel der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur. Innerhalb weniger Wochen sind rund 900.000 Exemplare gekauft worden. Dieser Aufsatz hat den legendären Ruf des Harvard-Ökonomen begründet und ihm die Tür in die Geschichte seiner Disziplin geöffnet.
Was war die bahnbrechende neue Botschaft, die sein "Manifest" damals offenbarte? Seine Argumentation ging zunächst aus von einer Analyse der Wirtschaft in den Industrieländern der westlichen Welt: Die 1950er Jahre hatten einen Rückgang der enormen Nachfrage der Nachkriegszeit gebracht und zu einer Marktsättigung geführt. Unternehmen, die wie bisher ihren Blick verengt nach innen richten und weiter auf die Verbesserung ihrer technischen Betriebsabläufe und die Massenproduktion mit hohen Stückzahlen zu niedrigen Stückkosten setzen, riskieren ihren Bestand, warnte er. Ein "Weiter so" dieses kurzsichtigen Wirtschattens auf dem bisher erfolgreichen, aber veralteten Wachstumspfad werde in die Sackgasse führen. Die einzige Chance zu überleben und zu wachsen habe ein Unternehmen nur dann, wenn es die Sichtblenden beiseite räumt, die ihm den Blick nach draußen auf den sich schnell wandelnden Markt versperren. Also weg von der Produktionsorientierung, war seine Botschaft, hin zur Kundenorientierung, weg vom Verkäufermarkt, hin zum Käufermarkt Nur noch dasjenige Unternehmen habe eine gute Zukunft, das seine Organisation und sein Management streng an den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden ausrichtet. Zugespitzt, lautete der Appell des Harvard-Professors: Jedes Unternehmen muss sich als Dienstleister verstehen.
Sein Appell hat damals die Wirtschaftsführer in den Industrieländern der westlichen Welt aufgeschreckt. Er sollte ihr Denken grundlegend und nachhaltig ändern. Die Weichen fürs Marketing der Unternehmen jeder Größe wurden neu gestellt. Eine neue Ära des Marketings begann. Damals hat man seine Botschaft von der Priorität der Kundenorientierung vor allem anderen unternehmerischen Handeln als umwälzend empfunden. Heute ist sie Allgemeingut, und ihr Autor nimmt längst seinen Platz in der Phalanx der Klassiker ein. ln den vergangenen Jahrzehnten hat man seine These vom Vorrang des Käufermarkts durch ausgeklügelte psychologische Techniken immer feiner ausdifferenziert. Kundenorientierung reicht heutzutage weit über die Ausrichtung an Kundenwünschen hinaus, bis hin zum gezielten manipulativen Wecken von Wünschen.

Theodore Levitt
Harvard-Professor Theodore Levitt

"Globalisierung macht uns alle gleich" (1983)

Gut zwanzig Jahre später, 1983, leitete er wiederum einen grundlegenden Wandel im Marketingdenken ein: Mit seinem bahnbrechenden Artikel über "Globalization of Markets" erklärte er das Wesen und Funktionieren der modernen Weltwirtschaft und popularisierte Begriff und Vorstellung von der Globalisierung. In kurzer Zeit war das neue Wort in aller Munde und hat sich die dauerhafte Aufnahme in unsere Alltagssprache gesichert. Es ist seitdem zu einem Kernbegriff der wissenschaftlichen und politischen Diskussion über die weltweiten Veränderungen geworden. Die drei Kernthesen des Marketingpapstes aus Boston - so titulierte ihn der SPIEGEL - auf den Hauptnenner gebracht:

  • Die Welt ist heute medial, verkehrstechnisch ökonomisch und politisch enger vernetzt als je zuvor. Dadurch nähern sich die Länder immer mehr einander.
  • Die Produkte der über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg agierenden Konzerne (global players) sind mit ihren Weltmarken wie Coca-Cola, McDonalds u. a. weltweit präsent und heben Unterschiede zwischen Ländern und ihren Menschen auf.
  • Konsumverhalten und Konsumwünsche - zumindest zuerst kaufstarker Bevölkerungsschichten in Industrienationen - werden ähnlicher. Dieser Trend beschleunigt die Angleichung der Lebensgewohnheiten und Lebensstile der Menschen, auch ihres Geschmacks und der Ästhetik und erzeugt so eine weltweite gesellschaftliche Nivellierung. Die Warenwelt macht uns alle gleich.

Sein Artikel ist zunächst einmal eine nüchterne Analyse des Ist-Zustandes der internationalen Verflechtung der Multis und eine prognostische Einschätzung der globalen Trends des Marketings im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts. Doch die Analyse und Prognose des Harvard-Professors entfalteten eine neue vorwärtsgerichtete unternehmerische Dynamik: Sie erfasste jetzt auch mittelständische Unternehmen. Sie richteten ihre Strategien neu aus und gingen mit Nachdruck daran, globale Kooperationen aufzubauen, wie etwa aus unserer heimischen Region die WOCO-Unternehmensgruppe in Bad Soden-Salmünster. Ein aktueller Vorgang, der zeigt, wie schnell die weltweite Verflechtung vorangeschritten ist und heutzutage als gang und gäbe erfahren wird, ist der Kauf des Gründauer Unternehmens Putzmeister durch einen chinesischen Konzern im Jahr 2012, hier vorwiegend mit der Absicht, sich das Know-how zu sichern.
Theodore Levitts Begriff "Globalisierung" fassen wir heute viel weiter, und seine Analyse und seine Einschätzung der Chancen der Globalisierung diskutieren wir inzwischen differenzierter und kontroverser angesichts mancher ihrer negativen Auswirkungen. Dazu zählen wir, um nur wenige Stichworte anzuführen, den ökologischen Raubbau, den Verlust regionaler Vielfalt, die Schere zwischen Arm und Reich, die globalisierten Arbeitsverträge, die globale Finanzkrise und die " Heuschrecken"-Bedrohung. Der Begriff "Heuschreckendebatte" wurde im April und Mai 2005 von Franz Müntefering geprägt, der das Verhalten mancher " anonymer Investoren" mit Heuschreckenplagen verglich.
Trotz der kritischen Sichtweise von heute, bleibt unbestritten, dass seine Kernthesen in der Wissenschaft und in der unternehmerischen Praxis damals eine Epoche machende Bedeutung entfalteten. Sie wurden fortentwickelt, vielfältig variiert und sind äußerst populär. Ein Beispiel dafür sind die in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erarbeiteten modernen Unternehmensleitbilder. Kaum eines kommt aus ohne den Standard gewordenen Slogan "Global
denken - lokal handeln". Ja, es bleibt Theodore Levitts unstreitiges Verdienst: Er war es, der den Zustand der Weltwirtschaft jener Jahre und ihren unaufhaltsamen Marsch in Richtung weltweite Vernetzung transparent gemacht und die westliche Welt für das Phänomen Globalisierung aufgeschlossen hat.

Fachkompetenz, Sprachgewalt und Intuition

Was seinen Einfluss auf Wissenschaft und Praxis so nachhaltig machte, schildert seine frühere Studentin und spätere Mitherausgeberin des HBS Alumni Bulletin Julia Hanna. Es waren zum einen seine profunde Fachkompetenz. Hinzu kamen sein Gespür für das Entstehen von Megatrends und ebenso seine innovative Fähigkeit. Zum anderen war es sein meisterhafter, geradezu genussvoller Umgang mit der Sprache; sie verlieh seinen Argumenten Überzeugungskraft und begeisterte die Menschen für seine Visionen. Schon als Schüler redigierte er die Zeitung seiner Highschool, und als er als Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt war, arbeitete er zunächst als Sportberichterstatter für die Tageszeitung 'Dayton Journal Herald'. Als er in 2006 nach langer Krankheit in Belmont, Massachusetts, gestorben war, rühmte Julia Hanna, in einer Würdigung seines Lebenswerkes gerade auch seinen souveränen Umgang mit der Sprache. Wir finden darin den Satz: "Von dem Augenblick an, als er aus seinem Heimatdorf Vollmerz als gerade Zehnjähriger auswanderte, entwickelte er ein besonderes Gespür dafür, das treffsicherste Wort punktgenau an die richtige Stelle zu setzen."
Theodore Levitt erhielt für seine wissenschaftlichen Leistungen auf den Gebieten des Marketings und der Managementtheorien viele ehrenvolle Auszeichnungen. Die Studierenden verehrten ihren populären und leutseligen Professor, mit seiner Lust an intellektuellem Provozieren, und was in der Wissenschaft Rang und Namen hatte, begegnete ihm mit kollegialem Respekt.

Vollmerz, Haus Nr. 48, um 1935. Geburtshaus des Theodore Levitt
Vollmerz, Haus Nr. 48, um 1935. Geburtshaus des Theodore Levitt

Geboren in Vollmerz, Haus Nr. 48

Das Elternhaus des Harvard-Professors steht in Vollmerz. Hier wurde er am 1. März 1925 im Haus Nr. 48 geboren. Das ganze Anwesen war nicht größer als 808 m², davon entfielen 235 m² auf den bebauten Hofraum, 95 m² auf den Garten und 477 m² auf den Hausgarten. Angebaut war eine Scheune mit einem Ziegenstall und einem Hühnerstall. Damals waren die Häuser des 900 Einwohner zählenden Dorfes vom ersten bis zum letzten noch einfach schematisch durchnummeriert, heute hat es die Anschrift Borngasse 1. Trotz einiger Sanierungen, die es erlebt hat, haben sich seine Dimension und seine äußere Gestalt kaum verändert. Man kann noch heute den Zuschnitt gut erkennen, den es vor acht Jahrzehnten hatte.
Zu der kleinen jüdischen Gemeinde - in einer Urkunde aus dem späten 16. Jahrhundert ist sie erstmals erwähnt - zählten in jenen Jahren 12 Familien. Eine der alteingesessenen Familien waren die Grünebaums, eine Handwerkerdynastie. Seit mindestens vier Generationen wurde die Schuhmacherwerkstatt vom Vater auf den Sohn vererbt. Der letzte Grünebaum, Jacob, geboren 1877, der - übrigens als einziger Handwerker der Vollmerzer Judenschaft sein Geld verdiente, die anderen waren Kaufleute und Kleinhändler -, hatte keinen Sohn, der als sein Nachfolger die Werkstatt hätte übernehmen und die Familientradition fortführen können, nur die Tochter Regina, geboren am 31. August 1889.

Synagoge Vollmerz
Die 1811 gebaute und 1973 abgebrochene Synagoge in Vollmerz

Die frommen Juden und ihre christlichen Nachbarn in Vollmerz

Hier wollen wir den Lauf der Geschichte über Theodore Levitts Leben für einen Augenblick aufhalten und einen Blick auf das dörfliche Umfeld werfen, in dem er seine Kindheit verbrachte. Die Grünebaums im Haus Nr. 48 waren wie all die anderen Vollmerzer Juden fromm und gottesfürchtig und hielten das Gebot, den Sabbat zu heiligen, gewissenhaft ein. Alte Vollmerzer wissen zu erzählen, dass die Männer am Sabbat nach dem Gottesdienst von der Synagoge aus - sie stand bis 1973 auf dem heutigen Grundstück Hinkelhoferstraße 6 - zu einem Spaziergang aufbrachen und genau dort wieder kehrtmachten, wo das "Konsumpfädchen" (heute der Sportplatzweg) in die Straße nach Ramholz mündet, denn die Sabbatregeln verboten es ihnen, am Tag des Herrn, der allein Gott gewidmet ist, mehr als 1.000 Schritte zu tun. Doch im häuslichen Alltag unterschied sich das karge Leben der kleinen Leute im Land der armen Hansen kaum voneinander, ob sie Juden waren oder Christen, wie uns unter anderen der Lehrer Israel Nussbaum in seinen Lebenserinnerungen berichtet. Und ebenso wenig unterschied sich der Alltag der Kinder und jungen Leute. Sie gingen gemeinsam in die Volksschule, die Jungen schlugen und vertrugen sich und schlossen Freundschaften. Manche waren so unverbrüchlich, dass sie den Holocaust überdauerten und 1945 nach der Vernichtung der jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder auflebten und bis ins hohe Alter hinauf Bestand hatten. "Es gab bei uns keine Spur von Ressentiments", erinnert sich Theodors Klassenkamerad, der Glasermeister Johannes Kirchner. Natürlich sind Zeugnisse subjektiv. Selbstverständlich sind sie nur so solide, wie Erinnerungen von Menschen sein können.

Grundschule Vollmerz
Schule Vollmerz am "Feiertag der nationalen Arbeit", 1. Mai 1933. Nach Gleichschaltung von Staat und Partei sind die jüdischen Grundschüler systematisch diskriminiert und aus den öffentlichen

Der Bräutigam aus der Fremde

Zurück zur Familie Grünebaum im Haus Nummer 48: Weil der alte Schuster Jacob Grünebaum nur die eine Tochter hatte und deshalb einen Schwiegersohn suchen musste, der vom Fach war und die Werkstatt fortführen konnte, wurde ein Schadehen eingespannt, um den passenden Bräutigam und Nachfolger ausfindig zu machen. Es gibt zwar keinen Beleg dafür, dass sich die Grünebaums eines traditionellen jüdischen Heiratsvermittlers bedienten, eines Schadchens, aber es spricht vieles dafür, dass es so war, denn wie sonst hätte man den heiratsfähigen und heiratswilligen und zudem berufsgeeigneten Schwiegersohn ausgerechnet im weit entfernten Kassel ausfindig gemacht. Dort lebte Boris Levitin in der Heinrichstraße Nr. 5. ln Nowosi im Departement Tschernigow, Ukraine, war er am 31. Dezember 1891 geboren. Als Soldat des Zaren geriet er im Ersten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft, und er blieb danach in Kassel und erwarb die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Hochzeit mit der Schuhmacherstochter fand dann am 17. Oktober 1922 in Vollmerz statt. Als Trauzeugen unterschrieben der Lehrer Friedrich Euler und der Handelsmann David Nussbaum.
ln die Familie Grünebaum und in ihren eingeführten Werkstattbetrieb einzuheiraten, war für den mittellosen Boris eine gute Partie. Für die Vollmerzer war der Neubürger nur "der Boris". Er war ein fleißiger Handwerker und brachte es bis zum Schuhmachermeister. Er galt als strebsam und umgänglich, und bald war er ein so angesehener Mitbürger, dass ihn die Eitern in den Klassenelternbeirat der Schule wählten. Seine Frau schenkte ihm vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen: Albert, *12. August 1923, Theodor, *1. März 1925, Thegla, *5. September 1928 und Henni, *12. März 1931.
Theo, so rief man ihn zuhause und im ganzen Dorf, wurde am 15. April 1931 in die Vollmerzer Volksschule mit ihren 130 Schülerinnen und Schülern aus den Dörfern Vollmerz, Ramholz und Hinkelhof und - nur die evangelischen - aus Sannerz eingeschult. ln seiner Klasse war er der einzige jüdische Schüler. Über seine Leistungen und sein Verhalten in der Schule wissen wir nichts. Ein Stubenhocker und Einzelgänger war er ganz und gar nicht, erinnert sich sein Schulfreund Johannes Kirchner, sondern ein Junge, mit dem man gerne spielte und den man gerne zum Freund hatte. Seine Schulakte weist keine Besonderheiten auf, bis auf die Eintragung gegen Ende des 4. Schuljahres: " entlassen am 22. II. 35, ausgewandert nach Amerika".

Theodors Familie muss Vollmerz verlassen

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann die Ausgrenzung der Juden aus dem wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben in Deutschland. Die Emigration begann. Zu denen, die ihr Heimatdorf verlassen mussten, gehörte auch die Familie Levitin. Ihr Haus erwarb mit Kaufvertrag vom 14. Februar 1935 der Weichensteller Kaspar Zinkhan aus Vollmerz für 4.500 Reichsmark. Damit wir uns eine Vorstellung von dem Kaufpreis machen können: 1935 erhielt der Reichsbahnfacharbeiter einen Stundenlohn von 0,87 Reichsmark (RM). Eine Kuh kaufte der Landwirt für 307 RM, und der "Opel-Olympia" kostete 2.500 RM, was heute etwa 10.000 Euro entspricht. Kaspar Zinkhans Haus blieb in der Familie und gehört heute seiner Urenkelin Sandra Weigand-Pauli in Schlüchtern-Elm. Theodor und seinem Bruder wird der Abschied von Vollmerz schwergefallen sein. Einige Begebenheiten lassen erkennen, dass ihre Herzen an ihrem Heimatdorf hängen blieben. Als gestandene Männer, in ihrer neuen Heimat USA fest verwurzelt, besuchten sie ihre ehemaligen Freunde und Nachbarn in dem Dorf, aus dem sie vertrieben worden waren. Ja, Theodore ließ es sich nicht nehmen, seinen gleichaltrigen Freund und Klassenkameraden, den Glasermeister Johannes Kirchner, an dessen 70. Geburtstag am 7. Mai 1995 in Vollmerz zu überraschen und ihm persönlich zu gratulieren. Anfang der 1970er Jahre hat Albert Vollmerz besucht. in einem Aufsatz für den "Bergwinkel-Boten" hat er seine Erlebnisse und Eindrücke in einem geradezu schwärmerischen Duktus niedergeschrieben, was wie eine Liebeserklärung an seine alte Heimat anmutet. Bei einer anderen Gelegenheit bedankte er sich nach einem mehrtägigen Besuch in seinem Heimatdorf sogar in einem offenen Brief begeistert über die "Freundlichkeit und Hochachtung und die warmen menschlichen Gefühle", mit denen er von ehemaligen Nachbarn und Schulfreunden empfangen und aufgenommen wurde.

Emigration in die USA

Über den Abschied aus der Heimat und die Überfahrt in die USA wissen wir aufs Beste Bescheid, denn gleich nach der Ankunft der Familie Levitin in ihrer neuen Heimat in Dayton, Ohio, schrieb Theos älterer Bruder Albert einen zwölfseitigen überschwänglichen Brief an seine beiden Freunde Fritz Ochs und Leonhard Link und seinen Lehrer Klaus Buss. Darin schilderte er seine im Tagebuch festgehaltenen Erlebnisse auf der achttägigen Seereise, und er bedauerte, dass "ihr das alles nicht miterlebt habt". Dieser schwärmerische Brief enthält nicht einen einzigen Hinweis darauf, dass die Familie Levitin keine Urlaubsreise gemacht hat, sondern dass ihre Emigration eine lebensrettende Entscheidung war, wie es sich im Nachhinein erwies, denn die Vollmerzer Juden, die bis 1940 ihr Leben noch nicht durch Emigration in Sicherheit bringen konnten, wurden deportiert und umgebracht. 12 waren es, unter ihnen das Mädchen Margot Grünfeld, dem Wilhelm Praesent in seiner Ansprache am 7. August 1949 auf dem alten Judenfriedhof in Schlüchtern - stellvertretend für die anderen Opfer - ein Denkmal setzte.
Gleich nach der Machtergreifung begann auch in Vollmerz die Verfolgung der Juden. Der Führer der NSDAP-Ortsgruppe forderte zum Boykott der jüdischen Bürger auf und drohte seinen Mitbürgern in massiver Weise: "Wer weiter bei Juden kauft, verliert den Anspruch am Aufbau des Dritten Reiches mitgearbeitet zu haben und darf sich nicht wundern als Gegner des Nationalsozialismus betrachtet zu werden. Er ist ein Volksverräter und hat die daraus entstehenden Folgen seiner Handlungen selbst zu tragen." Dass Levitins Kinder nichts von der beginnenden Ausgrenzung der Juden aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben und ihrer Diskriminierung wussten und die Emigration fröhlich wie einen Familienausflug erlebten, zeigt uns, dass die Eltern nicht mit ihren Kindern über ihre Ängste gesprochen und sie für sich behalten haben, und dass es ihnen geglückt ist, all ihre Sorgen um ihre Existenz und ihr Leben von ihren Kindern fernzuhalten und ihnen ein Leben in "Normalität" vorzuspielen.

Ankunft in den USA

Am 28. Februar 1935, legte der 21.450 BRT große Passagierliner der HAPAG "Deutschland" mit den sechs Levitins an Bord in Cuxhaven ab und erreichte, nachdem er in England, Frankreich und Irland weitere Passagiere aufgenommen hatte, am 13. März 1935 New York. Dort erwartete sie Theo Nussbaum, ebenfalls ein geborener Vollmerzer, der schon in den 1920er Jahren ausgewandert war. Mit dem Zug ging es weiter nach Dayton, Ohio, wo sie die gut situierten Verwandten des Vaters "freudig empfingen" und sie beim gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Start kräftig unterstützten. Die Familie Levitin aus Vollmerz war glücklich angekommen - in ihrer neuen Heimat und in ihrem neuen Zuhause. Gerettet! So wie ihre Verwandten amerikanisierte sie jetzt ihren Namen in Levitt. Die eiden Jungen und die siebenjährige Thegla wurden schon zwei Tage nach ihrer Ankunft in die Schule aufgenommen.
Aus dem Vollmerzer Theo wurde vom ersten Schultag an "Ted". Sein ganzes Leben lang behielt er im Verwandten- und Freundeskreis und bei seinen Studenten und Professorenkollegen diesen Namen. Noch als Schüler wurde er zur Army eingezogen und auf dem europäischen Kriegsschauplatz eingesetzt. Nach seiner Rückkehr erwarb er den High School-Abschluss, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Ohio State University, schloss sein Studium 1951 mit dem Doktor-Examen ab, und danach habilitierte ihn die University of North Dakota. 1959 folgte er dem ehrenvollen Ruf an die Harvard Business School in Boston. An dieser - vielleicht renommiertesten Business School der Welt - wirkte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1990. Der frühere Dekan der Eliteuniversität, Jay Light, sagte in einer Würdigung seines langjährigen Kollegen: "Ted Levitt ist eine Riese in der Geschichte der HBS".
Theodore Levitt heiratete 1948 Joan Levy. Aus ihrer Ehe gingen die Söhne Peter und John und die Töchter Kathrin, Laura und Frances hervor. Die Familie ließ sich in der Kleinstadt Belmont, Massachusetts, nieder. Hier starb der in Vollmerz geborene Weltökonom im Alter von 81 Jahren am 28. Juni 2006. Mit seinem Lebenswerk in den Wirtschaftswissenschaften hat er sich einen ständigen Sitz erworben in der Gesellschaft ihrer Klassiker.
Vollmerz wird seinen großen Sohn wohl mit einer Gedenktafel an seinem Geburtshaus ehren.

Auszug aus dem Bergwinkel-Boten Heimatkalender 2013, mit freundlicher Genehmigung des Autoren Ernst Müller-Marschhausen.

Anmerkungen:
LEVITT, Theodore: Marketing-Myopia (Marketing-Kurzsichtigkeit). Harvard Business Review (HBR) July-August 1960, S. 45-56. Ders.: The Globalization of Markets (Giobalisierung der Märkte). Harvard Business Review (HBR) May-June 1983, S. 92-102. Ders.: Die unbegrenzte Macht des kreativen Marketing, Landsberg 1984. LEVITT, Albert: Reunion in the Old Hometown. In: Bergwinkel-Bote 29 (1978), S. 40-42. Ders.: Offner Brief an die Vollmerzer vom 15.8.1975. In: Mitteilungsblatt der Stadt Schlüchtern, 4 Jg. Nr. 37 (12.9.1975), S. 5. Ders.: Brief vom 13.3.1935 an seinen Lehrer Klaus Buss (StadtA Schlüchtern) - FEDER, B. Barnaby: Theodore Levitt. 81, Who Coined the Term 'Globalization', ls Dead. In: New York Times, 6./2006. Online vom 20. 2. 2012. Handelsblatt Management Bibliothek Bd. 3: Die bedeutendsten Management-Vordenker. Frankfurt M 2005. (hier: S. 110-115). HANNA, Julia: Ted Levitt Changed My Life. In: Harvard Business School - Working Knowledge. Online vom 20.2.2012 NUSSBAUM, Israel: "Gut Schabbes!". Berlin 2002. PRAESENT, Wilhelm: Brief an eine Tote. In: Bergwinkel-Bote 27 (1976), S. 105f. SPIEGEL 41 (1984) v. 8.10.1984, Werbung. STEINNFELD, Ludwig: Die Juden von Vollmerz. in: Bergwinkel-Bote 34 (1983), S. 35-39. - Schule Vollmerz: Archiv und Chronik: Schülerverzeichnisse und Versäumnislisten 1932/1933 bis 1934/1935; Bericht des Lehrers Klaus Buss aus dem Jahr 1957; Personenstandsregister der Gemeinde Vollmerz (bis 1938). HHSTA Wiesbaden, Abt. 519/A Wi-Fu-A-26841-J. Bundesarchiv: Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945. Amtsgericht Schlüchtern, Grundbuchblatt Bd. VI BI. 173 Vollmerz (19.7.1935). Bürgermeister Vollmerz: Liste der jüdischen Einwohner in Vollmerz. Erstellt am 10.9.1948 (StadtA Schlüchtern). N.S.D.A.P.- Ortsgruppe Vollmerz: Aufruf an die Vollmerzer "Deutsche Volksgenossen ... ", 1934 (StadtA Schlüchtern). - Interviews: Kirchner, Johannes, *7.5.1925 Vollmerz, Mitschüler und lebenslanger Freund Levitts, jetzt: München und dortiges Interview am 16.11.2011. Kirchner, Karl-August. *9.1 .1928 Vollmerz. Hauptlehrer der Volksschule Vollmerz, dortiges Interview am 17.10.2011.

Bildquellen:

Bild 1: Portrait Theodore Levitt (www.albertsuckow.com/growth-industry)
Bild 2: Theodore Levitt (www.historiadaadministracao.com.br / Historia da Administraçao)
Bild 3: Geburtshaus (Ernst Müller-Marschhausen / Stadtarchiv Schlüchtern)
Bild 4: Synagoge Vollmerz (Ernst Müller-Marschhausen / Stadtarchiv Schlüchtern)
Bild 5: Schule Vollmerz (Ernst Müller-Marschhausen / Stadtarchiv Schlüchtern)

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