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Georg Flemmig (1874 - 1950)

Georg Flemmig (1874 - 1950)

Ansprache, gehalten von Herrn W. Praesent, vor dem Kreislehrerverein Schlüchtern, im Jahre 1955:

Der Schulmann und Volksfreund ist vielen Jungen und Neubürgern in unsem Reihen wenigstens seiner äußeren Erscheinung nach noch bekannt geworden: ein müder, abgemagerter, hinfälliger Greis, das Großvaterkäppchen auf dem licht gewordenen Scheitel, gebeugt am Stock, in Hausschuhen in gehemmter Hast durch eine kleine Gasse des unbegreiflich sich verwandelnden Städtchens tappend oder zögernd einen raschen Blick werfend in einen von Lehrern gefüllten Versammlungsraum, beinahe scheu, hilflos, fremd und nicht mehr zugehörig - erschütternd für den wissenden Beobachter, der dem ahnungslosen manchmal in Gedanken, das Wort Attinghausens abwandelnd, zuzumurmeln den Drang verspürte: "Lern´ diesen ältesten der Hirten kennen, Knabe! Ich kenn´ ihn, ich hab´ ihn fechten sehen bei Favenz!"

Wir Älteren unter den Ansässigen haben Georg Flemmig in Erinnerung, wie er gesund in seinem kräftigsten Mannesalter vor uns stand als geborener Mann des Volkes, als ein Schulmeister aus Leidenschaft, als erwählter Lehrer der Lehrer. Schwer, vierschrötig gebaut, über Mittelgröße, unter dem nachlässig gepflegten dichten Haarschopf ein paar klare, kluge und gütige Augen. Stets ordentlich gekleidet – Loden, später solides Tuch, Plüschhut, dunkler Mantel mit Samtkragen, Uhrkette und Schnauzbart  – alles normal mittelständlerisch mit Ausnahme der in der Weichselholzspitze ewig qualmenden Zigarre. Und dieser nach Leibesgestalt, Kleidung und äusseren Lebensbedürfnissen behäbige, kleinstädtische Bürger oder Bauer war – der lebendigste Geist, die ursprünglichste Erscheinung, das Original in unserer Landschaft. Ich meine nicht "originell", ich meine Original im Vollsinne des Wortes: einmaliger geistiger Eigenwuchs, wie er etwa im genialen Mutterwitz des Hirtenbübleins in Grimms Märchen aufblitzt. Einen Mann wie ihn hat es vor ihm im Kinzigtal nicht gegeben und wird es nach ihm nicht wieder geben!

Helden und Künstler sind bisher in der Obergrafschaft Hanau noch nicht gewachsen. Die beste, eigentümliche, Wesen aussprechende und zusammenfassende Kraft ihres Bodens verkörpert sich im Typus des sozialen, genauer des väterlichen Menschen. Der Amtmann Grimm, dem der am Totenbett maßnehmende Schreiner eigentlich einen silbernen Sarg wünscht, der Bäcker Weitzel, der die Vaterstadt wie ein lebendiges Wesen liebt, der Bürgermeister Lotich, der im Dienst auf dem Rathaus aushält, während die Franzosen sein Heim plündern, von den Alten der Abt Petrus Lotichius, der wie ein milder Patriarch für seine Waldbauern sorgt, das sind die Leitgestalten unseres Bergwinkels. In dieser Reihe steht Georg Flemmig, aber - ich wiederhole es - in einmaliger Eigenart!

Der spätere Herausgeber des "Deutschen Volkstums" saß eines Tages neben mir in Flemmigs Stübchen, als Flemmig hinausgerufen wurde. Der Großstadtintellektuelle, bekannt mit allen geistigen Existenzen in Deutschlands zwei Weltstädten, flüsterte mir mit nachdenklichem Kopfwiegen zu: "Der erstaunlichste Mensch in Deutschland!" Das war ein Urteil nach einer einstündigen Bekanntschaft! Nach einer eintägigen redete ein Professor der Frankfurter Universität Flemmig zu seinem Entsetzen gar mit "Meister" an! Beide Beurteilungen, der Exaltation der damaligen Zeit entsprungen, kommen sachlich nicht in Betracht, zeigen aber, wie Flemmig als geistige Erscheinung wirkte.

Der Frankfurter Maler Fritz Boehle, selber ein Musterbild der Urwüchsigkeit, wies Fürsten, Bankiers, Schauspieler, Kunstschriftsteller von seiner Tür fort, den Schlüchterner Volksschullehrer aber, den er im Westendsanatorium in der Savignystraße kennengelernt hatte und in dem sein Instinkt das urtümlich Ebenbürtige witterte, nahm er ungebeten mit in sein selbsterbautes Haus auf dem Sachsenhäuser Berg und zeigte dem innerlich eigentlich Widerstrebenden in guter Ruhe alle seine Schätze.

Die Grundsubstanz des wahren Lehrerseins, das Vermögen Menschen zu gewinnen, war Georg Flemmig beigelegt als Gabe in Wesen und Wort. Wer in sein Stübchen kam, war ihm verfallen. Schlichte Herzen überwältigte er mit seiner Herzlichkeit, Geistige mit seiner angeborenen Gescheitheit, allen wurde er unvergeßlich durch seine Eigenart und seinen Humor. An bezeichnenden Proben der Stimme des Volkes über ihn sind mir folgende im Ohr geblieben:

"Was hat der Mann für gute Augen!"
"Wie der erzählen kann!"
"Dem könnte ich jeden Tag zuhören!"
"Wenn man bei dem war, das war so gut, wie in die Kirche gegangen!"

Und es kamen in sein Stübchen, das er gerne "Stübchen des Vertrauens" nennen hörte, Menschen aus dem ganzen Vaterland zusammen. Von den Einheimischen waren es seine Kollegen, Bürger, bewußte Heimattreue, aus der Nachbarschaft Kirchenälteste, Bürgermeister. Auch Landräte, Pfarrer, ein Seminardirektor besuchten ihn regelmäßig. Und zwischen den alten Bücherborden unter der niederen Decke wurde geplaudert, diskutiert, Beichte gehört, Rat erteilt, getröstet, kräftigst gescholten und getröstet, Verfahrenes ins rechte Gleis gebracht und viel Neues angeregt. Das engste Lehrerstübchen in einem der ärmsten Städtchen des Hessenlandes bekam aber den weitesten Horizont, als hier, durch Flemmig bestimmt, die Neuwerkbewegung den Treffpunkt ihrer Pfingsttagungen festlegen konnte. Schlüchtern hat zwei geistige Hochzeiten erlebt: Die erste war die Zeit der Reformation, in der das Kloster Ausstrahlungspunkt Melanchthonschen Geistes wurde; die zweite war die Neuwerkzeit. Unvergleichlich lebendiger, reichhaltiger und wirkungskräftiger war der Einfluß dieser Bewegung als die kleinen Anregungen, die heute von der "Europäischen Akademie" oder der Kulturgesellschaft ausgehen mögen.

Alle Glieder dieser bunten heterogenen Gesellschaft, die das Suchen nach dem "Neuen Menschen" zu einer Gemeinschaft machte, gingen, ein jeder auf eine andere Weise beschenkt, davon. Flemmigs Einblick in die Strömungen des damaligen Gegenwartsgeisteslebens wurde durch diesen Umgang, der ihm auch manchen Seufzer entlockte, ungeheuer geweitet – er selbst aber nicht verwandelt. Jedes und wenn noch so bestechend geistreiche Sektierertum war ihm ein Greuel. "Geht zu Johannes Müller, zu Lhotzky, zu Rudolf Steiner, wohin ihr wollt - ich geh in die Kirche!" Konventikeltum war ihm Pharisäismus und Untreue gegen die uralte Mutter. Trotzdem hörte er gerne den Ausdruck von den "Stillen im Lande", der dem ahnungslosen Herrn Zuckmeyer nicht gefallen will.

Sein Leben war trotz dieser Bewegtheit ein stilles, ja verborgenes. In seiner Vaterstadt waren überhaupt nur einige, die ihn würdigen konnten. Unter seinen nächsten Vorgesetzten, den Schulräten, aber gab es keinen, der wußte, wer dieser Mann war.

Wer war nun Georg Flemmig? In einem Prospekt der Stadt habe ich für ihn die Formel gefunden: ein weithin befruchtender religiössozialer Volksschriftsteller. Er hat nichts mit Schöner Literatur zu tun, er war ein christlicher Bote, und darf genannt werden in der ehrwürdigen Reihe der evangelischen Laienprediger Tersteegen, Bunyan, Claudius, Stilling. Sein Ziel war immer: Zeugnis ablegen, Botschaft bringen, sie dolmetschen, vergegenwärtigen, also belehren; "verkündigen" hätte er wahrscheinlich, als zu hoch bezeichnet, abgelehnt. Georg Flemmig war ein Lehrer, amtlich und außeramtlich.

In seinem Stübchen hing, solange ich denken kann, das große Bild des Amos Comenius. Wer ihn nach dem Grunde fragte, bekam die spaßhafte Antwort: "Weil er mir den Einser bei der ersten Lehrerprüfung verschafft hat! Ich habe damals über die "Didactica magna" referieren müssen." – Es hätte kein anderer Pädagogenkopf besser in den Raum gepaßt, als der des Vaters der Volksschule, dessen Lebensgrundhaltung Erwartung des Reiches Gottes war, die ihn zum Ernstnehmen des irdischen Auftrages doppelt verpflichtete und befähigte. Flemmig, der Junggeselle, besaß den ausgesprochensten Vater- und Familiensinn. Auch als Lehrer war er Vater. Die Einstellung des Lehrers als Kamerad dem Schüler gegenüber wertete er nur als kurzlebige Erfindung der Epoche pädagogischen Überschwangs, die Generationsstufen beseitigend und darum unnatürlich. Man kann den Lehrer darstellen mit der Rute, mit dem Psychologielehrbuch in der Hand; ihm schien als Sinnbild des Standes das richtige: der Lehrer mit dem geführten Kinde an der Hand. Lehrer und Schüler mit Boxhandschuhen einander gegenüber, verdammte er nicht, anerkannte diese Situation aber nicht als Standesbild und feststehendes Musterbild der pädagogischen Situation.

Er war im Grunde eine konservative Natur auf allen Gebieten, voll ehrender Scheu vor allem Erbe. Eine kleine Erinnerung: ich hatte mit Mühe eine Menge menschlicher Gebeinreste in der Andreas- und Huttenkapelle gesammelt und im Kloster beiseite gelegt, voller Vorfreude auf die Ergebnisse kommender Untersuchung. Am nächsten Tage fand ich sie nicht mehr. Flemmig hatte die Mönchs- und Grafenknöchlein alle wieder in Klostererde beigesetzt und verriet mir die Stelle nie.

Vor dem ersten Weltkrieg gab es in unserer Kreisstadt nur einen einzigen bewußten Demokraten, den Seminarlehrer Walther. Flemmig aber entwickelte sich sehr schnell nach den Erlebnissen 1914-18 vom treuen Monarchisten zum Demokraten Naumannscher und Hansjakobscher Art, und arbeiterfreundlich brauchte er überhaupt nicht zu werden. Die Devise des alten Bischofs: "Willegis, Willegis, denk´, woher du kommen bist!" stand nicht nur über seinem Bett geschrieben.

Die gründliche solide "Lernschule" des vorigen Jahrhunderts war die seiner Jugendzeit gewesen.

Von dem Tage an, da er in der Dorfschule Hutten zum erstenmal Einblick in die Praxis der "Arbeitsschule" gewonnen hatte, war er ihr begeisterter, überzeugender Fürsprecher und Interpret bei den Älteren. Die Folge davon war, daß Grupe und Klarmann, die Vorkämpfer der "Arbeitsschule" in Frankfurt, sich nirgends wohler fühlten als im Schlüchterner Kreislehrerverein. Allem Neuen war er aufgeschlossen. Ein Vortrag über das eidetische Schauen beschäftigte ihn durch Monate, die Festrede Georg Kochs zu Pestalozzis Todestag jahrelang.

Kollegialität war ihm mehr als wohltemperierte Berufsgenossenvertraulichkeit. Er suchte und übte sie wie Bruderschaft, sah in ihrem Hochbild eine heilige Verbundenheit, nicht weit von leiblicher Verwandtschaft.

Den Lehrerverein führte er durchaus nicht als weltfremder Idealist (wie ein Christ nie ein Idealist sein kann), sondern als klarer Betrachter und eifriger Verfechter der sachlichen und wirtschaftlichen Dinge des Schul- und Lehrerlebens. Seine Art des Ausgleichens und Brückenbauens war ein Segen für den Verein in der Zeit der zwanziger Jahre, wo die politischen und pädagogischen Bezirke schon von Explosionen widerhallten. Auf konfessionellem Gebiet war im Bannkreis seines Geistes eine unfreundliche Begegnung überhaupt nicht möglich. Als die Schlüchterner katholische Gemeinde den Gedanken erwog, eine Sonderschule einzurichten, wehrte der Pfarrer Lins mit den Worten ab: "Solange ein Rektor wie Flemmig an der Stadtschule waltet, werden wir immer unsere Kinder in eine christliche Gemeinschaftsschule schicken!" Als ein andermal der Judenvorsteher einen ähnlichen Plan offenbarte, brauchte Flemmig nur mit wenigen Worten ihm die Vorteile der vollgegliederten Schule darzulegen, und es blieb in vollem Frieden beim Alten.

Flemmig stand hinter den Zielen des Vereins. Als junger Lehrer weigerte er sich, neben dem Pfarrer die Abendmahlsgeräte zu tragen. Als der Pfarrer sie daraufhin selber aufhob und keinen Küster damit beauftragte, nahm sie ihm Flemmig mit den Worten wieder ab: "Wenn Sie das Tragen als Ehrendienst sehen und nicht als niederen Küsterdienst auffassen, wie ich sehe, dann bitte ich darum." "Pfarrer und Lehrer vereint" – wie er auf der Grabplatte des Dichters von "Stille Nacht" in Hallein gelesen hatte, wurde ihm ein Wahlspruch, dem er sein ganzes Leben hindurch nachtrachtete und der ihm schönste Wirklichkeit wurde in der "Arbeitsgemeinschaft evangelischer Pfarrer und Lehrer" auf dem Acis.

Das A und 0 in Flemmigs Leben war die Heimat. Einen Heimatmenschen wie ihn habe ich noch nie wieder gefunden. Er war eigentlich kein Heimatforscher, wie sein Schrifttum nichts mit Heimatkunde zu tun hat. Ihm kam es auf viel Höheres an: auf die Erweckung elementaren Heimatgefühles! Heimat haben, Beheimatetsein, das meinte er, nicht mehr oder minder gelehrt oder wissenschaftlich Bescheid wissen auf dem Wohnboden. Heimat ist ein Urgut. Jeder sucht Heimat, auch heute, wo man in Kontinenten, ja in Erdhälften denkt, Heimat im Raum, in Dingen, in Menschen, Ideen oder Tätigkeiten, und schließlich im höchsten Gut, in Gott. Wie er das 9. Gebot auslegte: Du sollst deinen Nächsten nicht heimatlos machen! so würde er auch heute dem neugeprägten Erziehungsziel des "mündigen Menschen" sein altes überordnen vom verwurzelten und gebundenen Menschen; denn Heimat, Brüderlichkeit, Friede, diese guten Gaben, waren für ihn beinahe synonym. Und wäre der liebe Tote noch leiblich unter uns, er würde uns in der Mitte des Jahrhunderts, das sich unheimlich aus dem "des Kindes" zu dem der Atombombe gewandelt hat, als summa summarum der Menschenführung die Worte zurufen: "Das Begehren nach diesen guten Gaben zu erregen, ist des Lehrers höchstes Amt, und sein Arbeitsfeld, auf dem er als kleiner Mithelfer wirken darf, bleibt vor allem das Herz. Das von Gott geheilte Herz allein heilt Herz, und nur wer das Herz bewegt, bewegt die Welt - zu ihrem Heile!"

Text und Foto aus dem Buch von Wilhelm Praesent "Schlüchterner Gestalten"

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