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Dr. Reinhold Anderlitschek (1915-2004)

Ein Lebensbild zu seinem 100. Geburtstag von Ernst Müller-Marschhausen

Viele Leben

Dr. Reinhold Anderlitschek, 1978

"Was Dr. Reinhold Anderlitschek in seinem Leben alles gemacht hat, reicht für fünf Leben. Ob in Politik, Sport oder Kultur: Er engagierte sich überall". So resümierte der Redakteur der "Gelnhäuser Neuen Zeitung" Andreas Ziegler unter dem Titel "Großer Bahnhof in Schlüchtern: Der 'Doktor' wird morgen 80 Jahre alt" Leben und Wirken des Jubilars, der von 1965 bis 1980 als Bürgermeister die Geschicke der Bergwinkelstadt gelenkt und wie kein anderer ihre politische Kultur geprägt und darüber hinaus Jahrzehnte lang in vielen Ämtern und Funktionen die Kreispolitik maßgeblich mitgestaltet hat. Und als er im 88. Lebensjahr starb, trauerten die Schlüchterner um ihren "Altbürgermeister", dem alle nur Gutes nachsagten, denn - so brachte es sein langjähriger journalistischer Begleiter Norbert Stenzel, Redaktionschef der "Kinzigtai-Nachrichten" auf den Punkt:"Politik war des Doktors Herzenssache".

Nur durch Zufall Schlüchterner Geboren wurde Reinhold Anderlitschek am 15. Oktober 1915 in Leitmeritz im Sudetenland, einer Stadt mit seinerzeit 15.000 mehrheitlich deutschen Einwohnern (80%). Nach dem Stand seines Vaters, des Verwalters einer Landwirtschaftsschule, zählte die Familie zum gut situierten bürgerlichen Milieu der Stadt, in dem die Jungen und Mädchen sorgenfrei ihre Kindheit und Jugend erleben konnten. Nach dem Abitur am Humanistischen Gymnasium seiner Heimatstadt nahm Reinhold Anderlitschek an der rechts- und staatswissenschaftliehen Fakultät der Deutschen Universität in Prag (Karls-Universität) das Studium auf und promovierte 1940 zum Doctor iuris. Der Krieg unterbrach seine weitere juristische Ausbildung im Reichsjustizdienst, die er als Gerichtsreferendar und Assessor am 4. Juli 1939, zunächst am Amts- und Landgericht Leitmeritz, gerade aufgenommen hatte. Von März 1940 bis zum Kriegsende war er Soldat, zuletzt Leutnant, auf den Kriegsschauplätzen in Jugoslawien und in der Sowjetunion. Er hatte das Glück, unversehrt heimzukehren. Doch hier sperrten ihn die Tschechen ein, u. a. ins ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt. Nach den Gewaltorgien der ersten Nachkriegsmonate begann die organisierte Vertreibung der enteigneten und entrechteten drei Millionen Deutschen aus dem Sudetenland, und Anfang Mai wurden auch die Anderlitscheks mitall den anderen Leitmeritzern aus ihrer Heimat vertrieben.
Als ein Transport mit den Leitmeritzern am 3. Mai über die Grenze rollte, hatte gerade das Auffanglager Mottgers gemeldet, dass man wieder einen Schub Lagerbewohner in Häusern und Wohnungen in der Region zwangsweise einquartiert habe und deshalb jetzt einen Teil des Vertriebenentransports aus Leitmeritz aufnehmen könne. So kamen die Anderlitscheks durch Zufall in ihre neue, kalte Heimat: Über den Zielbahnhof Sterbtritz ins Lager Mottgers und nach einigen Wochen von dort in eine Notunterkunft in Schlüchtern.

Angestellter des Landratsamts des Kreises Schlüchtern

Er hatte Glück. Schon am 1. August 1946 fand er eine Anstellung im Landratsamt des Kreises Schlüchtern. Landrat Walter Jansen übertrug ihm die Verantwortung für die Rechtsabteilung sowie über das Kreiswohnungsamt mit dem Auftrag, die 7000 bettelarmen Neuankömmlinge aus den deutschen Ostgebieten in den 41 Dörfern und vier Städten des Kreises Schlüchtern behelfsmäßig unterzubringen. Nicht nur der Landrat konnte sich auf seinen Allround-Mitarbeiter verlassen, sondern auch seine Kolleginnen und Kollegen schätzten seinen juristischen Sachverstand und seine Konzilianz. Ein Zeichen dafür ist seine wiederholte Wahl in den Personalrat, bis zu seinem Ausscheiden aus der Behörde im September 1954.

Geschäftsführer des Landessportbundes

Feldhandballmannschaft SG 1910 Schlüchtern, 1948 v.l.n.r.: Jürgen Pauli; Erich Deuse; Georg Bechthold; Karl Heinz Bradke; Karl Heil; Werner Freund; Wemer Herbert; Hans Gutermut - Hans Schott; Hans Keim; Dr. Reinhold Anderlitschek; Ernst Freund; Karl Heinz Wilski; Willi Ross

Obwohl inzwischen fast 40 Jahre alt, war er nach wie vor bestrebt, seinen juristischen Vorbereitungsdienst für die Laufbahn des Richters und Staatsanwalts fortzusetzen, den er zu Kriegsbeginn hat unterbrechen müssen. Er trat deshalb als Rechtsreferendar und Beamter auf Widerruf seinen Dienst beim Hessischen Minister der Justiz an und absolvierte mehrere einschlägige Stationen, unter anderem auch in den Kanzleien der Rechtsanwälte Dr. Ursula Schade-Piamsch und Dr. Hermann Weber in Schlüchtern.
Doch da öffnete sich ihm die Chance, die Geschäftsführung des Landessportbundes Hessen zu übernehmen. Was ihn für diese Position qualifizierte, waren seine berufliche Versiertheit, seine Leistungen als Sportler und Sportmanager und gewiss auch sein bürgerlicher Habitus, aber mehr noch seine menschliche fair play-Haltung: Integrität, Verlässlichkert und Ehrgefühl. Er verstand es, den Hessen-Sport mit seinen damals 700 000 Mitgliedern in 4000 Vereinen auch nach außen hin gegenüber dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld erfolgreich zu präsentreren. Reinhold Anderlitschek trat sein neues Amt am 1. August 1958 an und verließ es am 30. Juni 1965, zwei Tage nach seiner Wahl zum Bürgermeister der Stadt Schlüchtern.

Politiker und Vereinsmensch

Sein Parteibuch der SPD erhielt er 1955. Welche Erfahrungen und Überlegungen ihn letztlich bewogen haben, Sozialdemokrat zu werden, und wer ihn für die Partei geworben hat, wissen wir nicht. Doch wir können annehmen, dass auch die legendäre Persönlichkeit des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Dr. Georg-August Zinn eine starke Zugkraft auf ihn ausübte. Es dauerte noch kein Jahr, bis ihn sein Ortsverein in den Vorstand wählte, und jetzt folgten Jahr für Jahr weitere Ämter, Mandate und Funktionen in seiner Partei in Schlüchtern, im Kreis, im Unterbezirk und im Land. Es waren seine Schlüchterner Parteifreunde, die ihn als erste nur "de Dokter" nannten und ihn auch so mit dem vertrauten Genossen-Du anredeten. Vielleicht, weil er der erste promovierte Akademiker in den Reihen der lokalen, damals in den fünfziger Jahren noch traditionsgemäß aus dem Arbeitermilieu kommenden Sozialdemokraten war, vielleicht auch wegen des anfangs noch etwas ortsfremd anmutenden Familiennamens. Er selbst war keinesfalls kumpelhaft freigiebig mit dem Genossen-Du, sondern suchte immer die rechte Balance zwischen Nähe und Distanz. Er wurde zum "Motor und Steuermann der SPD im oberen Kinzigtal", lobte ihn der Chef der SPD im Main-Kinzig-Kreis und spätere Landrat Erich Pipa, als der Dokter seinen 80. Geburtstag feierte. Nie habe er parteipolitisch missioniert, sondern stets durch Argumente überzeugt. So habe er die Köpfe und die Herzen der Bürger erreicht und eine gute Politik gemacht.
Ebenso rasant wie sein Aufstieg in der Partei verlief seine kommunalpolitische Karriere: Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Kreistag, Kreistagsvorsitzender, Kreisbeigeordneter, und nach der Bildung des Main-Kinzig-Kreises im Jahr 1974 regierte er bis zur Wahl eines Landrats als Staatsbeauftragter den bevölkerungsstärksten hessischen Landkreis. Danach übte er im neuen Großkreis neben dem christdemokratischen Landrat Hans Rüger das Amt des Ersten Kreisbeigeordneten aus. Der "starke schwarze Hans", wie man den Kreischef und Vormann der Kreis-CDU damals titulierte, spricht noch heute dankbar und freudig über die gemeinsamen Jahre mit dem "roten Dokter" im Kreisausschuss. Des Dokters Stärke seien drei Kompetenzen gewesen, erinnert sich Hans Rüger: Sachverstand, Mutterwitz und Charme.
Doch auch des Dokters politischer Aufstieg verlief nicht immer so stromlinienförmig glatt. Da gab es schon manche Dellen, etwa 1964, als er in der Landratswahl in Schlüchtern seinem christdemokratischen Konkurrenten Dr. Wolfgang Seibert den Sieg überlassen musste. Nur - solche Niederlagen steckte er sportlich weg, doch unter Anfeindungen von Parteifreunden litt er.
Reinhold Anderlitschek war ein Vereinsmensch wie er im Buche steht. Irgendwann recherchierten die "Kinzigtal Nachrichten" und kamen auf 31 Mitgliedschaften. Es wertete natürlich das Renommee eines Vereins ungemein auf, wenn er sich mit dem Dokter als Gütesiegel nach außen präsentieren konnte. Mehrere verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft, so zum Beispiel auch die "Bergwinkel-Vagabunden", was ihn zur Führung des Namens "Ehrenvagabund" berechtigte.

Der Bürgermeister

Dr. Reinhold Anderlitschek überreicht dem Kalte-Markts-Präsidenten des Jahres 1968 Hans Schott den Ehrenschlüssel der Stadt

Als Bürgermeister Friedrich Langerwisch am 7. Juni 1965 plötzlich starb, gab es für die Schlüchterner Sozialdemokraten keine Frage: Der Dokter muss sein Nachfolger werden. Er soll das erste gewählte SPD-Stadtoberhaupt in Schlüchtern nach dem Krieg werden und der erste SPD-Bürgermeister in einer der vier Städte des Kreises Schlüchtern. Das fand zunächst keine ungeteilte Zustimmung, denn CDU und FDP bestanden auf einer Ausschreibung. Aber in einer Umfrage der "Kinzigtai-Nachrichten" Mitte Juni sprach sich eine überwältigende Mehrheit für die Wahl eines "Einheimischen" aus. So wurde er am 28. Juni 1965 zum Bürgermeister gewählt. Seine Wiederwahl erfolgte am 25. Mai 1971, und zu einer dritten Amtszeit trat er am 25. April1977 an. Am 31. Oktober 1980, nach Vollendung seines 65. Lebensjahres und nach 15 Dienstjahren als Bürgermeister der Bergwinkelstadt verabschiedete er sich aus seinem Amt. Er hatte seinen sozialdemokratischen Markenkern immer behalten, aber sein Amt resolut unparteiisch ausgeübt. Einmütig beschlossen alle Fraktionen, ihm die Auszeichnung "Altbürgermeister" zu verleihen.
Eine Herkulesarbeit in seiner Amtszeit war die kommunale Neugliederung, die Zusammenlegung der Stadt Schlüchtern und der zwölf benachbarten selbstständigen Gemeinden. Die Zusammenlegung mit elf Stadtteilen konnte der Bürgermeister auf dem Verhandlungswege am 31. Dezember 1971 formell abschließen, dagegen gelang es ihm nicht, die Niederzeller zu einem freiwilligen Zusammenschluss zu bewegen. Aber insgesamt waren elf "freiwillige Entschließungen" ein Spitzenergebnis, das landesweit Beachtung fand. Er erreichte es durch penible Vorbereitung, durch Standfestigkeit in nächtelangen Verhandlungen, und vor allem durch seine Fairness und Glaubwürdigkeit. Natürlich vertraute er auch auf sein Erfolgsrezept "Charme schlägt Argumente". Aber wenn er damit nicht weiterkam, soll er auch zuweilen auf die "Überzeugungskraft des Schnapses" gebaut haben, wie man in einer der vielen Anekdoten erfährt, die über seine Schlitzohrigkeit kursieren. So zum Beispiel in Hohenzell, erzählt sein Nachnachfolger im Amt, Falko Fritzsch. Dort sollen sich die Verhandlungen über Gemeindebullen, Backhaus und Lehrerwohnung zäh dahingezogen haben. Doch der Dokter registrierte schnell, dass jede neue Runde die Stimmung steigerte und die Verhandlungspartner kompromissbereiter machte. Deshalb prostete er ihnen mit jedem neuen Glas fröhlich zu, trank aber nicht, sondern entsorgte den Schnaps im Blumenkübel daneben. So behielt der Dokter einen klaren Kopf und konnte spät in der Nacht eine weitere "freiwilligen Entschließung" mit nachhause nehmen.
Neben dem "Jahrhundertwerk der kommunalen Neugliederung" - so die "Kinzigtai-Nachrichten" - bewältigte Schlüchtern in der fünfzehnjährigen Amtszeit Reinhold Anderlitscheks drei weitere Großprojekte, die uns ahnen lassen, welchen Herausforderungen sich der Bürgermeister und der erste Hauptamtliche Stadtrat Hans Schott und mit ihnen die Beamten und Angestellten zu stellen hatten: Ende der 60er Jahre baute die Stadt den Feuerwehrstützpunkt am Untertor, zu Beginn der siebziger Jahre das Bergwinkel-Hallenbad in der Bahnhofsstraße, und 1975/76 errichtete sie das neue Rathaus. Es waren die Jahre, die das Gesicht, die Größe und die Bedeutung der Bergwinkelstadt in einem Ausmaß änderten, wie das in keiner anderen Epoche ihrer Geschichte geschehen ist. Im Gleichlauf mit dem Verlust der Kreisstadtfunktion und dem Abzug der Kreisverwaltung ließ die Zusammenlegung der zwölf Gemeinden mit der Stadt Schlüchtern die Einwohnerzahl von 6.000 auf 17.000 steigen, und durch die immensen Investitionen in die Infrastruktur bewahrten und förderten Bürgermeister, Stadträte und Stadtverordnete Schlüchterns Bedeutung als Mittelzentrum und seinen Ruf als lebens- und liebenswerte Stadt.
Trotz der Fülle und Neuartigkeit der Aufgaben, die in den fünfzehn Jahren geballt auf den Bürgermeister einstürmten, behielt er auch bei hoher Anspannung Fassung und begegnete den Mitarbeitern im Rathaus freundlich und verbindlich. Nein, das habe sie nie erlebt, sagt seine langjährige Verwaltungsangestellte llsemarie Ott, dass er, auch wenn es wieder mal knüppeldick kam, ausgerastet sei und die Kontrolle über sich verloren habe. Ein Menschenversteher sei er gewesen, ein väterlich für sorglicher Chef, der sein Geburtstagsbüchlein peinlich genau geführt und nie einen Geburtstag vergessen habe, der allen mit Wertschätzung und aufmunterndem Humor begegnet sei, und seine Personalentscheidungen habe man immer als nachvollziehbar und gerecht empfunden. Und der Verwaltungsbeamte Herbert Schwarz urteilt über seinen ehemaligen Chef: "Er hat seine Arbeit mit Freude gemacht; sie hat ihn ganz erfüllt".

Der Familienmensch

"Unser Vater hatte einen ausgeprägten Familiensinn, in guten und in schlechten Tagen. Wir liebten ihn und waren stolz auf ihn. Weihnachten war kein Fest für ihn. wenn er nicht den Christbaum selbst geschmückt und die ganze große Familie um sich herum versammelt hatte. Seinen sieben Enkeln war er ein geradezu leidenschaftlicher Opa", erzählen seine vier Töchter. "Dass er ein guter Bürgermeister und Politiker sein konnte, das verdankt er zu einem guten Teil unserer Mutter, denn sie hielt ihm immer den Rücken frei." 1940 hatte er in Leitmeritz seine Sophie geheiratet. Als die Töchter aus dem Haus waren und die Altersbeschwerden zunahmen, zog sich der Dokter mit seiner Frau in eine kleine Wohnung in der Lotichiusstraße 51 zurück, um, so begründete er's, nicht verbittert, sondern mit heiterer Gelassenheit, kürzere Wege zu den Ärzten und zur Apotheke zu haben. Zur Diamantenen Hochzeitüberraschten ihn Töchter, Schwiegersöhne und Enkel mit einem romantischen Geschenk: Sie ließen eine Hochzeitskutsche so herrichten wie jene, in der die Eltern damals in Leitmeritz bei ihrer weißen Hochzeit zum Traualtar gefahren waren, und der Dokter, der sein Leben lang spektakuläre Auftritte geringschätzte, genoss bei dieser Rundfahrt durch den Bergwinkel die staunenden Blicke der Menschen und winkte ihnen mit feiner Selbstironie landesväterlich zu.

Dr. Reinhold Anderlitschek mit Frau Sophie auf einer Kutschfahrt durch den Bergwinkel zum Schloss Ramholz.
Ein Geschenk ihrer Töchter, Schwiegersöhne und Enkel zu ihrer Diamantenen Hochzeit im Jahr 2000.

Der engere Freundeskreis der Familie war recht überschaubar, denn der Dokter legte Wert darauf, die vielen "freundschaftlichen" und kollegialen Beziehungen seines öffentlichen Wirkungsfeldes aus seinem privaten Lebensbereich herauszuhalten. Nur persönliche Sympathie bestimmte seine wirklichen Freundschaften, u. a. zu Adolf Grammann, Wolfgang Modis, Rudolf Kunde, Walter Epperlein, Karl Heil, Manfred Michler und Ernst Jonas. Hier im engen Freundeskreis und in vertrauter Stammtischrunde im Cafe Egner nannte man ihn "Holdi", so wie ihn schon seine Mitschüler in Leitmeritz gerufen hatten.

Ruhestand und Ehrungen

Es war am 31. Oktober 1980, als Reinhold Anderlitschek wegen Erreichung des Pensionsalters das Amt des Schlüchterner Stadtoberhauptes abgab und die politische Verantwortung seinem Nachfolger Hans Schott überließ. An diesem Tag trat der Dokter zwar in den Ruhestand, aber er setzte sich nicht zur Ruhe. Manche Ehrenämter, die ihm aus seiner Funktion als Bürgermeister erwachsen waren, liefen aus, aber dass er seine Mitgliedschaft in all den vielen Vereinen bruchlos fortführte und ihre Arbeit bis zum Ende seines Lebens aktiv mitgestaltete, das war für ihn Ehrensache. Ja, er übernahm jetzt sogar eine neue verantwortungsreiche Aufgabe: 1985 wählte ihn der Kreistag des Main-Kinzig-Kreises mit allen Stimmen zum Bürgerbeauftragten (Bürgeranwalt). In dieser Rolle verstehe er sich, verriet er der "Frankfurter Rundschau", als moderner Robin Hood. Das politische Tagesgeschehen in Schlüchtern verfolgte er aus der Ruhestands-Distanz heraus sehr aufmerksam. und er sparte auch nicht mit Kritik an jenen, die jetzt das Sagen hatten, aber dies tat er immer nur im familiären Freundeskreis. Im Übrigen folgte er seinem Credo, dass sich der Pensionär aus der Politik seiner Nachfolger herauszuhalten habe, auch wenn er um Rat gefragt oder um eine öffentliche Stellungnahme gebeten werde.
Fragte man den Ruheständler, was er denn er in seiner "Freizeit" tue, die ihm die Arbeit in seinen Ehrenämtern noch lasse, sprach er zu allererst von der Freude, wenn er seinen Enkeln beim Rasenmähen und Heckenschneiden etwas zeigen und ihnen bei den Hausaufgaben helfen könne. Und oft sprach er davon, dass er die Unmengen seiner Akten, Dokumente und Materialien durchforsten und fürs Archiv aufbereiten wolle, ja, er denke auch daran, seine Lebensgeschichte zu Papier zu bringen.
Keinen anderen Bürger in der jüngeren Geschichte des Bergwinkels ehrte die Gesellschaft mit so vielen Auszeichnungen wie Reinhold Anderlitschek. Sie sind der Ausdruck für Größe und Gehalt des Lebenswerkes und den Charakter dieser Persönlichkeit. Als Beispiele dafür seien angeführt: Die Ehrenurkunde des Hessischen Städte- und Gemeindetags, die Ehrennadel des Landessportbundes in Gold, die Goldene Ehrennadel der Deutschen Olympische Gesellschaft, und schließlich verlieh ihm Bundespräsident Walter Scheel das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Doch mehr noch erfüllten ihn und seine Familie Freude und Stolz, als ihn die Schlüchterner am 30. Oktober 1980 mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedeten und ihm die Stadtverordneten die Ehrenbezeichnung "Altbürgermeister" verliehen. Bei so viel Ehre hätte manch anderer die Bodenhaftung verloren. Er nicht. Einmal soll er eine Lobrede mit dem Spruch kommentiert haben, dass zu viel Weihrauch den Heiligen schwärzt. Oft sagte er, dass er auf ein erfülltes Leben zurückblicke und dass alles trotz Krieg, Gewalt und Vertreibung und persönlicher Schicksalsschläge eine glückliche Wendung genommen habe. Das empfinde er als Geschenk und Gnade. Ja, wahrscheinlich waren es die tiefen Erfahrungen menschlicher Armseligkeit, dass er zu menschlicher Größe gereift ist. Als der Dokter im Alter von 88 Jahren gestorben war, sprach Falko Fritzsch den Schlüchternern aus dem Herzen, als er ihn mit den Worten würdigte: "Was uns bleibt, ist die gute Erinnerung an eine große, verdienstvolle, beispielgebende Persönlichkeit."
Der Dokter war gerade dabei, in die kleine, seine letzte Wohnung umzuziehen, als ich ihn wieder einmal wie all die Jahre zuvor fragte, wie weit er mit der Aufarbeitung all seiner Unterlagen gekommen sei, so wie er's einmal geplant habe, und welchen Fortschritt die Arbeit an dem Erinnerungsbuch über seine vielen Leben mache. Er antwortete mir, dass er einen großen Container bestellt und alles entsorgt habe. Von einer erdrückenden Last habe er sich frei gemacht: "Es war so viel."

Auszug aus dem Bergwinkel-Boten Heimatkalender 2015, S. 129-137. Hrsg. vom Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises mit freundlicher Genehmigung des Autoren Ernst Müller-Marschhausen.

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