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Dr. Philipp L. M. Lotich (1800 - 1872)

Dr. Philipp L. M. Lotich (1800 - 1872)

Die bedeutendste geistige Erscheinung Schlüchterns im 19. Jahrhundert war Dr. Philipp Leonhard Marius Lotich. Sein Vater, der Bürgermeister Johannes Lotich, und seine Mutter Maria Katharina, Tochter des Gymnasialrektors Hadermann, stammten aus altansässigen Familien. Er kam in der Brückenauer Straße in dem heute umgebauten Hause Nr. 16 am 27. März 1800 zur Welt.

Nachdem er das einheimische Gymnasium durchlaufen hatte, blieb das Ziel seiner weiteren Ausbildung ungewiß, da sein Vater, durch den Krieg verarmt, nicht mehr die Mittel besaß, ihm ein Studium zu ermöglichen.

Kurz entschlossen nahm der Sechzehnjährige sein Geschick in die eigenen Hände, indem er (in altdeutscher Tracht) in die welsche Schweiz reiste und dort nacheinander als Anstalts- und Hauslehrer seinen Unterhalt erwarb. In derselben Weise tätig finden wir ihn von 1820 an in Florenz.

Zwischen 1824 und 1832 aber wirkte er als Prinzenerzieher im Palast des Fürsten Bacciocchi in Bologna, im Kreise der Napoleoniden also. Es wurde seine reichste und glücklichste Zeit. Schon in Florenz hatte er in sein Tagebuch eingetragen: "Wenn ich in der Jugend so glücklich bin, lasse es mich einmal in meinem Alter nicht entgelten!" Lebenssprühend, gesellschaftlich gewandt, gewann er jedermann für sich, berühmte Fürstlichkeiten und Männer und Frauen, die im damaligen Italien auf irgendeinem Gebiet einen Namen hatten. Leicht eignete er sich vier Sprachen an, und sein Doktorexamen bestand er nebenher. Er war ein verantwortungsbewußter und erfolgreicher Erzieher, trotzdem blieb ihm reichlich Zeit, um Kunstdenkmäler, Galerien, Antiquariate, Theater und Konzerte zu besuchen. Auch besaß er die Mittel; um sich Gemälde, Bücher und Kupferstiche anzuschaffen.

Mit starkem Interesse verfolgte er das politische Geschehen um sich her, - den Beginn der Einheitsbestrebungen in Italien, berichtete darüber in der "Allgemeinen Zeitung" und im "Stuttgarter Morgenblatt" und fand ungeahnten Beifall. Cotta schrieb ihm: "Sie können kaum glauben, welche Sensation Ihre Briefe in allen Ständen und bei Menschen von den verschiedensten Ansichten gemacht haben. Sie werden mit Begierde gelesen, und ich kann Sie nicht dringend genug bitten, doch ja unserem Blatte diese Zierde nicht zu entziehen, sondern wie bisher mit Interesse als dessen Mitarbeiter fortzufahren" und gewährte ihm zwei- bis dreifach höhere Honorare als anderen Korrespondenten.

Nun begannen seine unruhigen Wanderungen. 1832, zwei Jahre nachdem sein Zögling in Rom an einem Sturz vom Pferd gestorben war, verließ Lotich Bologna, wandte sich mit unbekannten Zukunftsplänen nach München und wurde dort unter Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern heimisch, ließ sich 1834 bis 1837 in Schlüchtern nieder, reiste jedoch 1839 nochmals nach Italien, und in seinem Tagebuch steht der für seinen damaligen Seelenzustand bezeichnende Satz: "O könnt ich nach Hause gehen, könnt' ich heimkehren in das Tal, wo die Burg Ulrichs von Hutten steht, heim zu meinen Verwandten, zu meinen Feldern und Wiesen, meinen Ochsen und Schafen, in mein Königreich ... " Die Sehnsucht nach der Heimat hatte ihn mit Urgewalt überfallen.

Er erwarb in Herolz ein Gut und führte fortan das Leben eines Bauern in altfränkischer Einsamkeit. Seine Mußestunden widmete er mehr und mehr der Volkskunde und der heimatlichen Geschichte. Er legte ein Mundartwörterbuch an, hielt Sitten und Bräuche fest, sammelte Märchen, Sagen und Anekdoten, immer in vertrautem Umgang mit dem Volke. Die Dorfbewohner lobten ihn schlicht als einen guten Nachbarn. Mit den Honoratioren der Kreisstadt verkehrte er kaum, wurde aber 1848, 1849 und 1850 zum Mitglied der kurhessischen Stände gewählt. Er blieb unverheiratet.

Schuldner ließen ihn im Stich; zwei Kisten mit Gemälden und Kupferstichen gingen ihm verloren. Seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten wuchsen von Jahr zu Jahr. Er starb am 16. Oktober 1872, abends 7 Uhr, an der "Gliederkrankheit", wie das Kirchenbuch meldet. Sein Grab auf dem alten Friedhof, mit einer einfachen Marmortafel geschmückt, ist in unseren Tagen zerstört worden.

Zu seinen Erben hatte er die Kinder seines verstorbenen Bruders bestimmt, die aber in der Annahme der Überschuldung die Erbschaft ausschlugen. Das Gericht wurde Testamentsvollstrecker, seine Bibliothek zu Spottpreisen verschleudert: 2534 italienische, 789 lateinische und griechische, 239 französische und englische, 84 russische und polnische Werke, 29 Kupferstichsammlungen, Manuskripte italienischer Humanisten. Darunter befanden sich 130 Aldinen, 79 Giuntinen und eine große Anzahl bodonischer Drucke, bibliophile Kostbarkeiten, wie sie in dieser Anzahl kaum eine andere Bibliothek in Deutschland aufzuweisen hatte.

Text und Foto aus dem Buch von Wilhelm Praesent "Schlüchterner Gestalten"

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