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Europa-Union

25 Jahre Kreisverband Schlüchtern-Gelnhausen e.V.

Von Ernst Müller-Marschhausen

Neue Zeitrechnung
Am 1. Mai 2004 beginnt in Europa eine neue Zeitrechnung: Mit der Aufnahme der neuen Beitrittsländer und der Rückkehr von acht mittel-osteuropäischen Ländern in die europäische Familie ist die betonierte Spaltung des Kontinents endgültig überwunden. In den 25 Staaten Europas leben rund 450 Millionen Menschen. Dieser Staatenverbund ist auf dem Weg zur friedlichen, demokratischen und wissensbasierten Großregion der Erde. Deutschland alleine hatte ebenso wie die meisten anderen europäischen Nachbarstaaten in der Weltpolitik allenfalls das Gewicht einer Fußnote. Das ist jetzt anders: Das neue Europa wird künftig neben den politischen und wirtschaftlichen Machtzentren der Welt gewiss keine Hauptrolle spielen, aber ganz sicher die Rolle eines wichtigen Mitspielers übernehmen.

Europa-Union
Deutschland gilt als ein starker Motor der Einigung Europas. Vor mehr als einem halben Jahrhundert fanden sich bundesweit Männer und Frauen in der überparteilichen Vereinigung „Europa-Union“ zusammen. Ein frühes Diskussionsforum hatten die Europäer der ersten Stunde übrigens in Schlüchtern. Unter ihnen waren maßgebliche Repräsentanten des politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. So zum Beispiel Walter Hallstein, Romano Guardini und Werner Heisenberg. Hier wurde 1948, noch bevor es die Bundesrepublik Deutschland als Staat überhaupt gab, die erste „Europäische Akademie“ im Nachkriegs-Deutschland gegründet. In einem historischen Rückblick auf jene Jahre titelt die „Frankfurter Rundschau“ (2.6. 1993) „Als Europa nach Schlüchtern blickte“. Und die „Kinzigtal- Nachrichten“ (1.6.1993) würdigten das Wirken der Männer und Frauen in der „Europäischen Akademie“ mit dem Satz „Die Weichen für Europa in Schlüchtern mitgestellt“.
Was die Menschen damals nach den leidvollen Erfahrungen aus zwei Weltkriegen bewegte, war ihr Wunsch nach Verständigung und Aussöhnung mit unseren europäischen Nachbarn, ihr Wunsch, Europa zum Hort dauerhaften Friedens zu machen. Ihr visionäres Ziel war die Einigung Europas.

Gründungsväter des Kreisverbandes der Europa-Union
Überall in der Bundesrepublik Deutschland entstanden im Laufe der Jahrzehnte Landes-verbände und Kreisverbände der Europa-Union. In unserer Region waren es vor allem zwei Männer, die das Format hatten, Visionen vom vereinten Europa in politisches Handeln umzusetzen. Beide hatten den Schrecken und das Leid erfahren, die der Zweite Weltkrieg über die Völker Europas gebracht hat, namentlich über das deutsche Volk. Sie verdienen es wie keine anderen, als die Gründungsväter des Kreisverbandes Schlüchtern-Gelnhausen der Europa-Union gewürdigt zu werden: Manfred Michler (1919-1995) und Dr. Reinhold Anderlitschek (1915-2004). Sie ergänzten sch vortrefflich: Manfred Michler, Publizist und eher Ideengeber, Dr. Reinhold Anderlitschek, Bürgermeister der Stadt Schlüchtern und mehr der pragmatische Umsetzer.

Gründung des Kreisverbandes Schlüchtern: 30. November 1978
Für den 30. November 1978, im Jahr der ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament, lud Schlüchterns Bürgermeister gemeinsam mit dem geschäftsführenden Vorsitzenden der Europa-Union Hessen, Fritz Petermann, zur Versammlung ein. Ziel: Die Gründung eines Kreisverbandes der Europa-Union. Versammlungsort war die Gaststätte „Weißes Ross“ in Schlüchtern-Niederzell.
Das Protokoll über jene Versammlung am 30. November 1978 dokumentiert detailliert die Namen der Anwesenden, das Wahlgeschehen und das Ergebnis der Wahl des ersten Vorstandes. Es sticht ins Auge, dass sich unter ihnen erstaunlich viele Persönlichkeiten befinden, die im Laufe des vergangenen Vierteljahrhunderts im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens unserer Region leitende Positionen eingenommen haben und bis heute eine maßgebliche Rolle im öffentlichen Leben spielen. Zum Vorsitzenden wählte die Gründungsversammlung Manfred Michler, zu Vorstandsmitgliedern Evi Knüttel (Schlüchtern), Martina Leistenschneider (Bad Soden-Salmünster), Gottfried Schubert (Steinau), Gerhard Gärtner (Sinntal), Gerhard Gutberlet (Schlüchtern), Hans Kaiser (Bad Soden-Salmünster), Eberhard Priemer (Sinntal), Ekkehard Schmidt (Schlüchtern) und Maria Raab (Deuker) (Schlüchtern). (Siehe Anhang: Liste weiterer Gründungsmitglieder)

Erweiterung zum Kreisverband Schlüchtern-Gelnhausen e.V.
Der Kreisverband Gelnhausen, bereits 1956 gegründet, beantragte 1980 den Zusammen-schluss mit dem Kreisverband Schlüchtern. Zum einen war es die zurückgegangene Mitgliederzahl, die Gelnhausen bewog, die Fusion mit dem benachbarten Kreisverband anzustreben. Zum anderen betrieb der damalige Vorsitzende des Gelnhäuser Kreisverbandes, Staatssekretär in der Hessischen Landesregierung, Dr. Rolf Müller, die Fusion, weil er es nicht für angemessen hielt, dass der Kreisverband von einem aktiven Politiker geführt wird.
Der Zusammenschluss der beiden Kreisverbände vergrößerte die Mitgliederzahl des „Kreisverbands Schlüchtern-Gelnhausen e.V.“. Bis in die Mitte der neunziger Jahre hielt sich die Mitgliederzahl um 130. Danach setzte, ebenso wie in vielen anderen Verbänden und Vereinen, durch natürlichen Abgang und weniger Neueintritte ein Mitgliederschwund ein, so dass sich die Zahl der Mitglieder seit Jahren relativ konstant zwischen 80 und 100 bewegt.

Kontinuität
Der Mitgliederstamm des Kreisverbandes Schlüchtern-Gelnhausen und die im zwei Jahres-Turnus gewählten Vorstände weisen eine hohe personelle Kontinuität auf: Dem Gründungs-vorsitzenden Manfred Michler folgten Gerhard Gutberlet und Klaus Ommert. Beide Persön-lichkeiten zählen zu den Gründungsvätern und hatten zuvor schon andere Vorstands-funktionen wahrgenommen. Und zusammen mit dem jetzigen Vorsitzenden Ernst Müller-Marschhausen leiten Frauen und Männer die Geschicke des Kreisverbandes, die bereits an der Gründung beteiligt waren oder bald darauf dem Verband beitraten. Beispiele, die für viele stehen, sind Eberhard Priemer, Gertraud Schötta, Jürgen Krauß, Barbara Meysel und Franz-Reinhart Platz.
Kontinuität zeichnet den Verband auch hinsichtlich der Organisation seiner Arbeit aus: Seit über zwei Jahrzehnten ist der „Grüne Baum“ in Steinau sein traditioneller Versammlungsort, und seine Treffen („Stammtische“) finden in fester Folge am zweiten Donnerstag jedes Monats statt. Und für den Ablauf der Treffen hat sich bewährt, dass der Kurzpräsentation eines aktuellen Themas mit Europa-Bezug eine vertiefende gemeinsame Aussprache folgt , und dass bei all dem noch hinreichend Zeit und Gelegenheit bleiben für die Pflege persön-licher und gesellschaftlicher Kontakte.
Kontinuität schließlich auch bei der Auswahl der Referenten: Hier legt der Verband seit jeher Wert darauf, dass nur Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft auftreten, die in ihrem Wirkungsfeld fachlich und persönlich und durch Leistung und Erfahrung ausgewiesen sind, die Substanzielles vorzutragen haben und die sich dem europäischen Gedanken in besonderem Maße verpflichtet fühlen. Beispielhaft sollen aus dem aktuellen Jahresprogramm genannt werden: Thomas Mann, Mitglied des Europäischen Parlaments, Karl Eyerkaufer, Landrat des Main-Kinzig-Kreises und Jochen Riebel, Hessischer Staatsminister.

Wandel
Die inhaltlichen Schwerpunkte und die Ziele in der Arbeit des Kreisverbandes erfuhren dagegen einen tiefen Wandel im Laufe dieses Vierteljahrhunderts.
Im Gründungsjahr wiesen viele Diskussionen in noch sehr idealistischer Weise, so wie in der Nachkriegsära, in Richtung auf Aussöhnung mit den westlichen Nachbarn und auf die Entwicklung von Verfahren und Instrumenten, mit denen Frieden im Westen dauerhaft zu sichern sei. Vorteile und Nachteile der Direktwahlen zum Europäischen Parlament wurden erörtert und ebenso förderliche und hemmende Faktoren einer stärkeren Integration. Integration – der Blick ging ausschließlich nach Westen und Süden. Auch Visionäre wagten keine Prognosen zu dem, was mit dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich ins Blickfeld geriet und was dann am 1. Mai dieses Jahres Wirklichkeit wurde.
Jetzt, nach dem historischen Erweiterungsschritt zum Europa der 25, beherrschen Themen die Diskussion, die sich auf die Verfassung oder auf Fragen der künftigen Nähe und Distanz zu den USA beziehen wie auch auf die Bewältigung ganz aktueller Probleme, beispielsweise die Bekämpfung des internationalen Terrorismus oder die Möglichkeiten der Reaktion auf die sich abzeichnenden Migrationen innerhalb Europas und nach Europa hinein.
Aber immer größeren Raum beansprucht die wirtschaftspolitische Diskussion. Neue Märkte locken. Eine entfesselte Ökonomie beginnt das europapolitische Denken und Handeln voll in Beschlag zu nehmen, scheint den Beginn einer Goldrausch-Periode und hemmungsloser Verteilungskämpfe anzukündigen. Das neue Europa der 25 – so wie es sich derzeit in der öffentlichen und in der veröffentlichten Meinung darstellt – ist gewiss nicht das Europa, für das die Initiatoren und Gestalter der Europäischen Union, von Konrad Adenauer bis Willy Brandt, gekämpft haben. Ihre Sicht auf das neue Europa war gewiss nicht auf eine bloß quantitative Erweiterung verengt, und schon gar nicht sah ein Europäer wie Helmut Kohl in den neuen Beitrittsländern Mittel-Ost-Europas eine verlängerte Werkbank der Industrien der Westländer oder deren neuen Absatzmärkte.
Dieser Verengung der Europäischen Union auf Wirtschaftsinteressen gilt es entgegen-zuwirken. Es gilt, die Diskussion über Europa neu zu justieren, sie so zu steuern, dass das neue Europa mehr als eine Wertegemeinschaft verstanden und erfahren wird und weniger als eine Gesellschaft, in der nur der Mehrwert zählt. Und an diesem Europa-Leitbild wird sich die künftige Arbeit des Kreisverbandes Schlüchtern-Gelnhausen orientieren. Deshalb wird der Kreisverband sein Programm des nächsten Jahres unter zwei Leitfragen stellen: „Was sind die geistigen Grundlagen Europas?“ und „Wie weit reicht Europa, und wo endet es?“

Anhang: Weitere Gründungsmitglieder 30. November 1978 Helmuth Ehrhardt, Wilfried Enders, Klaus Fischer, Günter Frenz, Maria Friedl, Karl Heil, Dr. Helmuth Hein, Heinz Kopp, , Jürgen Lauer, Günther Liebold, Gerhard Meyer, Clemens Michel, Hans-Konrad Neuroth, Roland Parthey, Dr. Georg Roth

(Erschienen in: „Bergwinkel-Bote. Heimatkalender 2005“. S.73-77)

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