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Die Städtepartnerschaft zwischen Schlüchtern und Jarocin - Ihre Gründung in den Jahren 2001 bis 2004

Eine Dokumentation

von Ernst Müller-Marschhausen

Veröffentlicht in: "Unsere Heimat. Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins Bergwinkel e.V. Schlüchtern", Bd. 32 (2015); S. 84-99.

Beschluss

Schlüchtern hatte sich Zeit gelassen. Um die Jahrtausendwende unterhielten die meisten   Städte und Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis  teils schon seit Jahrzehnten Partnerschaften mit Städten in europäischen Ländern, einige mit außereuropäischen Städten, als vereinzelt Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt meinten, es gehöre zum Selbstverständnis  einer traditionsreichen Schul- und Kulturstadt, dass sie sich über den Bergwinkel hinaus sichtbar öffnet und ihre Fühler über internationale Grenzen hinaus ausstreckt. (1) Wie gesagt, es waren nicht Vereine, nicht  Parteien und Fraktionen, die vernehmlich und mit Nachdruck eine Städtepartnerschaft zum Thema gemacht und in den öffentlichen Diskurs gebracht haben.   Wenige Einzelne waren es, aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Milieus kamen sie,  die in ihrem Umfeld für eine Städtepartnerschaft warben, so dass  die SPD-Fraktion eines Tages einen diesbezüglichen Anstoß aufgriff und in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 20. August 2001 einen "Antrag betr. Entwicklung einer Städtepartnerschaft" einbrachte, der von einem "Ergänzungs- und Änderungsantrag"  der Fraktionen der CDU und der BISS modifiziert und von dem Stadtverordneten Dr. Constantin von Brandenstein vorgetragen und geschäftsmäßig ohne Grundsatzdebatte über das Für und Wider und den Sinn und den Zweck einer Städtepartnerschaft einstimmig verabschiedet wurde. Das Votum der Stadtverordneten war nur ein "Prüfauftrag"  und hatte insoweit einen recht unverbindlichen Charakter. Es beauftragte den Magistrat lediglich, "Möglichkeiten  zur Entwicklung einer Städtepartnerschaft zwischen der Stadt Schlüchtern und einer Stadt in einem anderen Land Europas zu  prüfen und zu diesem Zweck eine Magistratskommission zu bilden, die die Einbeziehung der interessierten Öffentlichkeit in die Überlegungen ermöglicht."  Eine ungefähre Richtung gaben die Stadtverordneten mit dem Hinweis vor, dass der Magistrat insbesondere drei Aspekte in die die Prüfung einbeziehen soll: 

  • Die "Überlegungen, die bei der Diskussion in der Stadt Schlüchtern über eine Städtepartnerschaft in den letzten Jahrzehnten bereits angestellt wurden", 
  • die "Kontakte oder Beziehungen, die die Stadt Schlüchtern, z.B. auf der Ebene der Vereine, Kirchen, Schulen, Gruppen von Vertriebenen etc. zu anderen Städten bestehen, die zu einer Partnerschaft genutzt werden könnten", und
  • die "bestehenden Partnerschaften, z. B. auf Kreis- oder Landesebene."

Der Ursprungsantrag hatte eine Partnerschaft mit einer Stadt in einem "mittel-osteuropäischen  Nachbarland" empfohlen, möglichst in einer Region gelegen, die bis zum Weltkriegsende  Heimat vieler Schlüchterner Neubürger war.  Darauf ging der Ergänzungs- und Änderungsantrag  zwar nicht explizit ein, aber gleichwohl wiesen viele begleitende Überlegungen in Richtung Osten.

Noch in derselben Sitzung beauftragte Bürgermeister Falko Fritzsch seinen Stellvertreter, den Ersten Stadtrat Reinhold Baier, mit der Vorbereitung zur Umsetzung des Prüfauftrags,  vor-nehmlich mit der Erarbeitung eines konsensgestützten Ergebnisses. (2) 

Findung

Die Umsetzung des Beschlusses beginnt: (3) Stadtrat Reinhold Baier scharte am 5. September 2001 schnell einige Menschen, die an einer Städtepartnerschaft Interesse hatten, zu einer informellen Arbeitsgruppe um sich, um mit ihnen zu erst einmal die vordringlichste Frage zu klären, nämlich die nach der Vorgehensweise: Welche Schritte auf dem Weg zur Umsetzung des Beschlusses  müssen getan werden?  Vorrang hatten zunächst Formalia, in denen sich alles Inhaltliche noch neutralisierte. So musste ein Vorschlag für die Zusammensetzung der Kommission  erarbeitet werden, der dann den zu beteiligenden Institutionen und Gremien – Magistrat, Haupt- und Finanzausschuss und Stadtverordnetenversammlung -  zur Beratung und Beschlussfassung zu unterbreiten war. Reinhold Baiers  kleine Arbeitsgruppe empfahl, dass der Kommission, orientiert an der Struktur der Kulturkommission,  drei weitere Stadträte, fünf Stadtverordnete und fünf sachkundige Bürger angehören sollten. Am 12. September akzeptierte der Magistrat den Vorschlag, am 20. September verabschiedete ihn der Haupt- und Finanzausschuss, und zeitgleich verständigten sich die Fraktionen intern  über die Personalvorschläge und die Nominierung der sachkundigen Bürger.

Am 24. September 2001 nahm die Stadtverordnetenversammlung den Vorschlag der Arbeitsgruppe  für die Bildung und  Zusammensetzung der Magistratskommission "zur Kenntnis",  wählte ihre Mitglieder und benannte "ihre" sachkundigen Bürger.  Für den Magistrat waren schon  Gerhard Frenz (BISS), Karlheinz Förster (SPD) und Dr. Georg Roth (FDP) bestimmt. Als Stadtverordnete wurden gewählt, jeweils mit Vertretern, Inge Vey und Ernst Müller-Marschhausen (SPD), Dr. Constantin von Brandenstein und Dr. Peter Homann (CDU)  (für ihn kam bald darauf Peter Lotz), Heino Ackermann und Dr. Reinhard Müller (BISS), Dr. Peter Büttner und Rainer Grammann (FDP) und Frank Marhauer und Manfred Link (Republikaner), und als sachkundige Bürger wählte die Stadtverordnetenversammlung die von den Fraktionen nominierten Ulf Zimmermann (BISS), Annegret Ilge (FDP), Albin Anhalt (CDU) und Andreas Kunst (SPD). (4)  Damit war die Kommission satzungsgemäß konstituiert, aber der Zug nach Jarocin konnte noch lange nicht auf die Reise gehen, denn wie überall rangierte auch hier wieder einmal die Höherwertigkeit des parlamentarischen Rituals vor dem Beginn der Sacharbeit. Manchen Leser mag es erstaunen, mit welcher formalen Akribie der Grundsatzbeschluss gefasst wurde, wie penibel die Vorgaben der Hessischen Gemeindeordnung  bei der Bestimmung oder Wahl der Mitglieder der Kommission und bei ihrer Konstituierung Beachtung fanden, stets nach strengem Proporz,  und welchen Zeit- und Kraftaufwand es kostete, um allein die formalrechtliche Infrastruktur der Kommission herzustellen. Aber erst die ermöglichte es, inhaltliche Aspekte der angestrebten Städtepart-nerschaft – das Für und Wider, das Warum und Wozu - überhaupt zur Sprache zu bringen.  

Die Kommission traf sich zu ihrer ersten Sitzung am 25. Oktober 2001. Es folgten in den zwei Jahren bis zur letzten Sitzung, Ende  2003, zwölf  weitere arbeitsintensive Sitzungen. Je nach thematischem Schwerpunkt lud der Vorsitzende Reinhold Baier gesondert Experten ein, wie etwa Referenten  der Staatskanzlei, den Referenten  des Main-Kinzig-Keises für Partnerschaftspflege Hans-Jürgen Freund und den Vorsitzenden des "Vereins der Freunde Guilherand-Granges e.V." Clemens Michel (5) aus Bad Soden-Salmünster sowie Repräsentanten der Institutionen und Gremien, deren nachhaltige Mitwirkung an der Gründung und an der späteren Ausgestaltung der Städtepartnerschaft erwartet wurde. Als Vertreter der großen Schulen waren das Rektor Helmut Hochmuth (Stadtschule) und die Oberstudiendirektoren Dr. Manfred Helwig (Ulrich-von-Hutten-Gymnasium) und Alfred Schwarz (Kinzig-Schule). Vertreter der Feuerwehren, wie Heinz-Jürgen Jost und Helmut Zinkand, der Schlüchterner Kommunalpolitiker Peter Lotz sowie Ewald Schulz als Übersetzer ergänzten jeweils als "Gäste" ad hoc die Kommissionsrunde.

Am Anfang der Sitzungsreihe veranlasste die Kommission eine schriftliche Umfrage,  die sich an etwa 150 Vereine, an Schulen und Kirchen richtete. Damit folgte man dem Votum der Stadtverordneten für eine breite Einbeziehung der Bevölkerung in den Findungsprozess.   Die Adressaten sollten über bereits bestehende Kontakte zu Städten in Nachbarländern berichten und begründete Vorschläge für die Kontaktaufnahmen mit potenziellen Partnerstädten machen. Die Zahl der Rückläufe dieser groß angelegten Aktion war sehr klein, ein Indiz für das damals noch vergleichsweise gering ausgeprägte Interesse an  einer Städtepartnerschaft. Von den wenigen Anregungen fand  die Stellungnahme des Vorstands der evangelischen Kirchengemeinde Schlüchtern besondere Beachtung, weil sie von dem Profil der "klar protestantisch geprägten Stadt Schlüchtern" ausgehend, differenziert argumentierende Vorschläge unterbreitete, die in Richtung Schweden sowie in eine hugenottisch geprägte Region in Südfrankreich wiesen. In anderen Rückmeldungen wurden Städte vorgeschlagen, zu denen die Menschen im Bergwinkel irgendwelche Beziehungen hatten, darunter:

  • Vsetin in Tschechien, ein Produktionsstandort der Unternehmensgruppe WOCO,
  • Körmend in Ungarn wegen der Kontakte der Schlüchterner Kolpingfamilie,
  • Stadt in Esztergom / Komaron, der Partnerregion des Main-Kinzig-Kreises,
  • Bonyhad in Ungarn wegen der Kontakte von Andreas Kunst zum Bürgermeister der Stadt, (6)
  • Gulbene in Lettland, wegen der Herkunft der Ehefrau des Grafen Zeppelin
  • Sibiu in Rumänien wegen privater Kontakte der Familie Gericke,
  • Alsonana in Ungarn, Heimat mehrerer Bergwinkelfamilien wie Heberling und Zich,
  • Stadt bei Leitmeritz wegen der Partnerschaft Fulda-Leitmeritz,
  • Omis in Kroatien, weil es ein bevorzugtes Ferienziel Schlüchterner Familien war.

Wegen der mageren Ergebnisse der Umfrage und eigener Recherchen, die ebenso unergiebig blieben,  kam die Kommission schnell zu der Erkenntnis, dass sie nicht auf  gewachsene  Kontakterfahrungen  als  Ausgangspunkt  für die Gründung einer Städtepartnerschaft zurückgreifen  konnte und dass die sporadischen Bekanntschaften von Vereinen und Gruppen und Einzelnen nirgends zu einem Stadium gereift waren, von dem aus man  systematisch  in Richtung auf eine Städtepartnerschaft hätte hinarbeiten können. Nur das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium unterhielt, von Oberstudienrat Dr. Kurt Zerrener initiiert und von seinem Nachfolger, Oberstudienrat Reinhard Präger fortgeführt, seit den 60er Jahren institutionalisierte Beziehungen zu Partnerschulen in Frankreich, dem Lycée Jaques Callot in Vandoeuvre-les Nancy und dem Lycée in Chartres, die aber wegen des starken Rückgangs des Deutschunter-richts in diesen Schulen allmählich ausliefen. (7)

Parallel zur Sammlung und Sichtung der gut gemeinten, aber zufallsabhängigen Vorschläge entwickelte die Kommission professionell einen Plan, der die Suche nach der passenden Partnerstadt  objektiver machen und  erleichtern sollte. Ausgehend von den stadtprägenden Traditionen, Institutionen und gesellschaftlichen Besonderheiten Schlüchterns (Schulstadt, Stadt der Vereine, Mittelzentrum u. a.) und seiner spezifischen  Interessen erstellte sie in groben Zügen das Ideal-Profil einer zu uns passenden Partnerstadt und konkretisierte es u. a. mit den Merkmalen:

  • Stadt in einem mittel-osteuropäischen Nachbarland,
  • Höchstentfernung 1000 km,
  • Kleinstadt oder Mittelstadt mit zentralörtlicher Infrastruktur,
  • Stadt mit aktivem Vereinsleben,
  • Stadt mit Schulen unterschiedlicher Formen,
  • Deutschunterricht in weiterführenden Schulen.

Während die Kommission in ihren Diskussionen das Erwartungsprofil noch weiter nach Muss- und Soll- und Wunschkriterien verfeinerte, erreichte sie ein Beratungsangebot von  der Hessischen Landesregierung:  Beamte der Staatskanzlei waren nun  mehrmals Gäste der  Kommission und berichteten,  dass Hessen seit Ende 2000 eine Partnerschaft zur polnischen Partnerregion  Wielkopolska unterhalte, dem wirtschafts- und bevölkerungsstarken Bezirk  Posen mit seinen 31 Landkreisen und über 3,3 Millionen Einwohnern, und dass sowohl Posen wie auch  Hessen Partnerschaften auf kommunaler Ebene anstoßen wollen,  um die regionale hessisch-polnische Partnerschaft mit Leben zu erfüllen. Die Referenten der Staatskanzlei übermittelten zugleich eine Liste der Posener Bezirksregierung mit den Namen von 48 an einer Partnerschaft interessierten Städte.  Aus der "48er Liste" nahm die Kommission nach erstem  Augenschein fünf Städte heraus, Slupca, Ostrzeszow, Wrzesnia, Strzalkowo und Jarocin, mit denen sie sich eingehender befassen wollte. In dieser Beratungsphase, es war in der Sitzung am 25. Juni 2002, kommt nun Dr. Lech Kowalewski ins Spiel, in Polen geboren und aufgewachsen und seit vielen Jahren Pfarrer der Schlüchterner katholischen Kirchengemeinde. Er war es, der nach Recherchen im Internet und einem spontanen Telefongespräch mit Jarocins Bürgermeister meinte, dass diese Stadt dem Wunschprofil Schlüchterns  nahekommen könne. Die Kommission war nur zu gerne bereit, von der langwierigen  Prüfung anderer Städte abzulassen und jetzt schnurstracks die Spur zu verfolgen, auf die sie der Pfarrer angesetzt hatte. Informationen aus Wikipedia und auch aus alten Lexika über Jarocin (8) bestärkten die Mitglieder schnell, auf einem aussichtsreichen  Weg zu sein.

Dass jetzt eine polnische Stadt  ins Gespräch kam und man sich mit dem Gedanken an-freundete, dass es eines Tages zu einer Partnerschaft mit ihr kommen könnte, darf nicht  als Zeichen einer neuen Offenheit gegenüber unserem östlichen  Nachbarland oder gar einer allgemeinen Polenbegeisterung gedeutet werden, die Grundstein und Anstoß für eine Part-nerschaft hätten sein können, denn die gab es nicht. Die Vergangenheit war noch allzu gegenwärtig: In vielen Köpfen steckten noch die alten, gängigen Polen-Stereotype; polnische Wirtschaft,  kulturelle Rückständigkeit und die Polenklischees aus dem Nationalsozialismus sind Stichworte dafür. Und zum anderen blickten die Deutschen noch immer wie durch einen Grauschleier auf Polen im "Ostblock",  das Jahrzehnte lang als Satellit Moskaus in den "Warschauer Pakt" eingebunden war. Dass es zwei Polen waren, der Gewerkschaftsführer Lech Walesa und  Papst Johannes Paul II, die den Kommunismus friedlich bezwangen und die Weichen für die Wende stellten, die unsere  Welt veränderte  - all das ist erst später in unser Bewusstsein gedrungen und führte  nur  schleppend  zu einer realistischeren Wahrnehmung unseres Nachbarlandes.

Erkundungen

Stadtrat Reinhold Baier nahm sogleich Fühlung mit Bürgermeister Marion Michalak in Jarocin auf  und erhielt auch prompt dessen Zusage, dass er gerne eine Gruppe von Kommissionsmitgliedern aus Schlüchtern empfangen wolle. Die Kommission verständigte sich darauf, dass diese Gruppe die "Schnupperfahrt" in die unbekannte polnische Stadt "auf niedrigstem offiziellen Level" und "ohne Auftrag, aber mit Interesse"  antreten, dort die Bergwinkelstadt vorstellen und im Übrigen alles umfassend beantworten solle, was man über Schlüchtern wissen wollte. Es versteht sich von selbst, dass man dem Erkundungstrupp ans Herz legte, Augen und Ohren offen zu halten und von der fremden Stadt in Polen viele Informationen und Eindrücke mitzubringen, die dann als  Grundlage für die abschließende Einschätzung dienen sollten, ob Jarocin unsere Erwartungen an eine Partnerstadt erfüllen könne. Der 3. Oktober 2002 war das denkwürdiges Datum, an dem zum ersten Mal Schlüchterner Bürger die 800 km entfernte, eine Autostunde  südlich von Posen gelegene Kreisstadt Jarocin mit ihren 45 000 Einwohnern (einschließlich der 23  eingemeindeten Stadtteile) betraten: Dieser Sondierungsgruppe, angeführt von Stadtrat Reinhold Baier, gehörten an der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Schlüchterner Vereine Peter Triebensky, die Stadtverordneten Ernst Müller-Marschhausen, Peter Lotz und Frank Marhauer sowie Studiendirektor Günther Kaufmann von der Kinzig-Schule und Ewald Schulz als Übersetzer. Zurück in Schlüchtern, berichteten sie der Kommission geradezu überschwänglich:

    Jarocin

  • habe mit einem großen offiziellen Empfangskomitee die Besucher aus Schlüchtern willkommen geheißen,
  • habe sämtliche Kosten für Unterbringung und für die opulente Bewirtung übernommen,
  • sei eine aufstrebende Kommune mit Funktionen eines Mittelzentrums und einer Kreisstadt,
  • habe eine Feuerwehr auf "modernstem europäischen Niveau",
  • sei eine Schulstadt, u. a. mit 5 Schulen mit Sekundarstufe II, in denen 70 Prozent der Schüler Deutsch als erste Fremdsprache lernen,
  • habe bereits lange internationale Erfahrungen mit Partnerstädten in Frankreich, Holland und Ungarn.

Die Kommission war von dem Bericht so angetan, dass sie am 12. November 2002  dem Magistrat einstimmig vorschlug: "Vorbehaltlich ihrer Zustimmung soll eine Partnerschaft mit der Stadt Jarocin angestrebt werden." In der Euphorie über die guten Nachrichten hatten manche ganz außer Acht gelassen, dass man nicht einfach nach Polen fahren und sich dort nach Gutdünken eine Partnerstadt aussuchen kann. So war es ganz gewiss nicht, denn Reinhold Baiers Schnupperer wurden ihrerseits auch von den Jarociner Stadtoberen beschnuppert und in ihrer Selbstdarstellung und hinsichtlich des Angebots der Bergwinkel-stadt  kritisch in Augenschein genommen,  denn die mehr als doppelt so große Stadt mit ihren internationalen Kontakten wurde noch von anderen deutschen Städten umworben. So war sie  in der komfortablen Lage, warten und  auswählen zu können, und verständlicherweise wollte sie eine gute Partie machen. Erleichtert war man in Schlüchtern, als Jarocins Stadtoberhaupt dem "Herrn Oberbürgermeister der Stadt Schlüchtern" am 21. November 2002 mitteilte: "Im Oktober hatte Jarocin die angenehme Gelegenheit, die Delegation der Stadt Schlüchtern zu Gast zu haben. Die Delegation interessierte sich für die Zusammenarbeit, und sie hat einen guten Eindruck auf mich und meine Mitarbeiter gemacht." Deshalb wolle er mit Nachdruck in seinen politischen Gremien dafür werben, dass es zu einer Vertragsunterzeichnung kommt. Jahre später berichtete ein politischer Insider aus Jarocin, dem Autor, dass sich der Stadtrat erst nach langem Abwägen für das Partnerschaftsangebot Schlüchtern entschied. Und wiederum etliche Jahre später, am 24. Mai 2014, auf dem Festakt in Schlüchtern aus Anlass des zehnjährigen Gründungsjubiläums  nannte es  Jarocins Bürgermeister  Stanislaw Martuzalski einen "Glücksfall für beide" dass man sich damals für die Bergwinkelstadt entschieden habe. (9) 

Zurück in den November 2002. Wer jetzt  eine erste Zwischenbilanz der  gut einjährigen Suche nach der passenden Partnerstadt und der ersten Kontakten zog,  kam zu dem Ergebnis:

  • Den Wegweiser in Richtung Jarocin hatte der Schlüchtern Pfarrer Dr. Lech Kowalewski aus Polen aufgestellt.
  • Reinhold Baier  und seine Pioniere waren es, die sich als erste Schlüchterner auf den Weg nach Jarocin machten, die dort überzeugend für ihre Stadt warben  und  den Boden für die später formell begründete Partnerschaft bereiteten. 

Das Thema "Städtepartnerschaft" stellten die  Jarociner auf ihrer Agenda etwas weiter nach hinten, weil zunächst wichtigere politische Entscheidungen anstanden: Die Wahl des neuen Stadtoberhauptes: Gewählt wurde Adam Pawlicki. Er übte das Amt von Dezember 2002 bis 2013 aus und hat sich bleibende Verdienste um die Förderung der Partnerschaft erworben. Der junge Bürgermeister Adam Pawlicki kam auf Einladung Schlüchterns vom 9. Januar 2003 mit seinem Vertreter und einer Dolmetscherin vom 6. bis 9. Mai 2003 zum Gegen-Erkundungsbesuch. Die kleine Delegation wurde im Rathaus empfangen und trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Ihrem Wunsch gemäß, besichtigten die Gäste die Unternehmen Möbel-Rudolf und  Bien-Fertighaus AG und  die Stadtschule, sie führten Fachgespräche mit  Repräsentanten des Gewerbe- und Verkehrsvereins und der Feuerwehren und entdeckten in Rundgängen durch die Altstadt, geführt von Albin Anhalt und Peter Lotz, und durch Besuche des Bergwinkelmuseums  und des Holzmuseums auf Burg Brandenstein  viele Besonderheiten über das Leben im Bergwinkel und über seine Geschichte und Traditionen. (10) Kein Zweifel, dass die Jarociner Erkunder gute Eindrücke mit nach Hause nahmen, denn schon drei Wochen später, am 28. Mai 2003, beschloss ihr Stadtrat, eine Städtepartnerschaft mit Schlüchtern einzugehen.

Im Gleichlauf mit den Aktivitäten in Jarocin legte die Kommission dem Magistrat die Empfehlung für den Abschluss des Partnerschaftsvertrags mit Jarocin sowie die Entwürfe für Vertragstext vor. Der Magistrat stimmte der Vorlage am 4. Juni 2003 zu, der Haupt- und Finanzausschuss gab sein Einverständnis  am 12. Juni, und am 16. Juni 2003 beschloss  die Stadtverordnetenversammlung einstimmig, "den Bürgermeister und den Ersten Stadtrat zu ermächtigen, einen Partnerschaftsvertrag zu unterzeichnen." (11)

Die formelle Unterzeichnung  des Vertragswerks konnte nun vorbereitet werden. Interna-tionalem Gewohnheitsrecht folgend, sollte der in polnischer und deutscher Sprache ausgefertigte Vertragsentwurf mit den einschlägigen Anlagen in beiden Geltungsbereichen unterzeichnet werden. Für die Unterzeichnung in Jarocin vereinbarten die beiden Partner den 29. Oktober 2003, die Unterzeichnung in Schlüchtern war für den Beginn des darauffolgenden Jahres geplant, um den Helle Markt herum.

Unterzeichnung

Zur Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags in Jarocin reiste eine aus 27 Personen bestehende Delegation unter der Leitung von Stadtrat Reinhold Baier, organisatorisch und administrativ unterstützt von der Sachbearbeiterin Heidrun Kruse-Krebs,  nach Polen. Neben ihm vertraten noch Stadträtin Luise Meister und Stadtrat Wilfried Urbach den Magistrat, und Stadtverordnetenvorsteher Klaus Ommert repräsentierte das höchste Entscheidungsgremium der Stadt. Die Feuerwehren waren präsent mit Stadtbrandinspektor Helmut Zinkand, Heinz-Jürgen Jost und Hartmut Jäger, als Beauftragte ihrer  Schulen waren Günther Kaufmann (Kinzig-Schule) und Michael Jürgens (Ulrich-von-Hutten-Gymnasium) dabei. Stellvertretend für die Schlüchterner Vereine machten sich bekannt  Herbert Leskopf, Bernd Leskopf, Ewald Schulz (zugleich Dolmetscher), Fritz Gericke,  Reiner Andres, Thomas Masztalerz und Heidi Höppener, und Wolfgang Krein, Bürgermajor und Kommandant der Bürgergarde, sein Premier Lieutenant Hans-Jörg Goltz und der Gardist Dirk Conrad, zogen in ihrer schmucken  Kurhessischen Bürgergardeuniform bewundernde Blick auf sich und verliehen als Ehrenformation dem Akt der Vertragsunterzeichnung Gewicht und Würde.  Stellvertretend für die aktiven Vorkämpfer der Städtepartnerschaft, die in unterschiedlichen Funktionen und Rollen von Anfang an  die Vorbereitungsarbeiten richtungsweisend  mit gestaltet haben, komplettierten  Ernst Müller-Marschhausen, Peter Lotz und Annegret Ilge die Delegation.  Der Redaktionsleiter der "Kinzigtal Nachrichten", Stefan Kläsener, begleitete die Delegation. Seinen Berichten über den Besuch der Schlüchterner in Jarocin und über die Feierstunde der Vertragsunterzeichnung am 25. Oktober 2003 im Rathaus der Stadt Jarocin ist es wesentlich zuzuschreiben, dass man sich im Bergwinkel nach und nach gegenüber der Partnerschaft mit der polnischen Stadt aufgeschlossen zeigte und ihre Entwicklung mit teilnehmendem Interesse verfolgte. Den feierlichen Augenblick der Vertragsunterzeichnung schildert der Redakteur so: "Der Mann hat Tränen in den Augen, er ist, verrät er später mit brüchiger Stimme, der Ohnmacht nah, als Bürgermeister Adam Pawlicki und Stadtrat Baier das Vertragswerk unterschrieben, als der Chor  das Deutschlandlied und die polnische Hymne gesungen hat, …. gefolgt von der unter die Haut gehenden Ode an die Freude von Ludwig van Beethoven. Es ist die schlichte Tatsache, dass sich Deutsche und Polen im Jarociner Rathaus mit Herzlichkeit und Freundschaft begegnen. Der Mann hat die erste Hälfte seines Lebens in Polen verbracht, die andere dann später in der Bergwinkelstadt. Wer wüsste besser als er, wie viel Steine die gemeinsame jüngere Geschichte einer solchen Begegnung in den Weg legte."(12) Der Bericht ist ein beeindruckendes Indiz dafür, dass in der  Anlaufphase der Städtepartnerschaft dem Inhalt und der Art der Berichterstattung der "Kinzigtal Nachrichten" eine besondere, aufbauende Bedeutung zukommt.

Reinhold Baier überbrachte in seiner Ansprache die Grüße des Hessischen Ministerpräsi-denten, des Landrats des Main-Kinzig-Kreises,  des Bürgermeisters und der städtischen politischen und gesellschaftlichen Gremien und "aller Bürgerinnen und Bürger Schlüchterns" und hob hervor, dass er und seine Delegation "nach dem Schnupperbesuch im Oktober des Vorjahres zuhause so hoch gestimmt von Jarocin und der Herzlichkeit der Bürgerinnen und Bürger  berichteten, "dass wir alle mit unserer Begeisterung für Jarocin ansteckten". "Verträ-ge sind Papier",  sagte er, "Partnerschaften und Freundschaften aber müssen in den Herzen und in den Köpfen wachsen. Und eine solche Partnerschaft wünsche ich mir. " Mit seinem Dank, dass sich Jarocin für die Partnerschaft mit Schlüchtern entschieden habe, verband er seine Hoffnung, dass der Tag nicht mehr fern sei, "an dem  man ohne Reisepass und Grenz-kontrollen sich gegenseitig unter Freunden besuchen"  könne.

Der Vertragstext der polnischen und der deutschen Fassung war traditionell knapp und komprimiert gehalten:

"In der Überzeugung, dass durch partnerschaftliche Beziehungen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern unserer Städte

  • die Verständigung und das friedliche Zusammenleben zwischen unseren Völkern gefördert werden,
  • und dass wir damit einen Beitrag leisten zur Verwirklichung des vereinten Europas

schließen die Stadt Jarocin in Polen und die Stadt Schlüchtern in Deutschland auf der Grundlage der gemeinsamen Vereinbarungen diesen Vertrag über Partnerschaft und Zusammenarbeit."

Ausführlich, anschaulicher in der Sprache und verbindlicher in ihrem Wollen  ist die "Vereinbarung" über Sinn und Ziel der Partnerschaft. So enthält sie ein Bekenntnis "zum gemein-samen christlichen Erbe", sie knüpft  an die "guten Traditionen freundschaftlichen Zusammenlebens" an und will "mitwirken an der weiteren Aussöhnung nach den leidvollen Kapiteln der jüngeren Vergangenheit". Darüber hinaus formuliert sie Grundsätze der Partnerschaft mit dem Akzent auf der aktiven Teilhabe und Teilnahme "möglichst aller Mitbürgerinnen und Mitbürger" an der Ausgestaltung der Partnerschaft, und schließlich benennt sie Handlungs-felder, in denen sich die Zusammenarbeit der beiden Städte realisieren soll, u. a. Schulpartnerschaften, Schüleraustausch, gegenseitige Austauschaufenthalte im Bereich der Berufsausbildung und Berufsfortbildung, Austausch zwischen kommunalen Institutionen wie Feuerwehr und Katastrophenschutz, kirchliches und kulturelles Leben. *

Schon bei diesem Besuch aus Anlass der Vertragsunterzeichnung in Jarocin kam es zu vielen persönlichen Kontakten, z. B. zu Persönlichkeiten wie die Kaufleute Mariusz Kazmierczak und Grazyna Kazmierczak und der Stellvertretende Bürgermeister und Historiker Robert Kazmierczak, die aus privater Initiative die gerade ins Leben getretene Partnerschaft in Schwung bringen wollten, und es kam zu vielen aufbauenden symbolischen Gesten und auch schon zu konkreten Vereinbarungen.  So wurde, um nur ein  Beispiel anzuführen, den Professoren der Filiale der Universität Stettin für Masterstudien der Verwaltungswissenschaft in Jarocin angeboten, dass man ihnen einen Besuch in der Hessischen Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden und die Möglichkeit vermitteln wolle, in  allen Sektionen der Hochschule zu hospitieren und den  Studienbetrieb in der Heranbildung des hessischen Verwaltungsnachwuchses kennenzulernen.  Noch im November schickte das Hessische Innenministerium eine offizielle Einladung nach Jarocin. (13). Reinhold Baier brachte  den Jarocinern ein symbolisches Geschenk mit: eine Tonschale mit Gestein aus Vogelsberg, Rhön und Spessart,  und überreichte zusätzlich Gutscheine für einen kostenlosen Aufenthalt zweier polnischer Schüler in Schlüchtern. Stadtbrandinspektor Helmut Zinkand schenkte seinen polnischen Kameraden eine historische Feuerwehrglocke,  und Hartmut Jäger lud eine polnische Jugendfeuerwehrgruppe fürs kommende Jahr zum Zeltlager in den Bergwinkel einlädt. Fritz Dänner, Revier-förster im Forstamt Schlüchtern, hatte einen Bergahorn mitgebracht, den die Schlüchterner gemeinsam  mit den Jarociner Gastgebern zum Gedenken an die Unterzeichnung  und als Freundschaftsbaum im Stadtpark pflanzten. Das einfallsreiche Rahmenprogramm, wie z. B. Kutschen-Rundfahrten und der Wettbewerb Schießen mit Pfeil und Bogen, rundete die Festtage anlässlich der Vertragsunterzeichnung in Jarocin ab.

Noch auf der Rückreise nach Schlüchtern skizzierten Peter Lotz,  Wolfgang Krein und der Autor das Konzept für die Satzung eines zu gründenden Partnerschaftsvereins. Sein Name soll "Förderverein für Städtepartnerschaften der Stadt Schlüchtern e.V." sein. Bewusst wählte man die Mehrzahl "Städtepartnerschaften", denn man rechnete  damit, dass Schlüchtern über kurz oder lang eine weitere Städtepartnerschaft eingehen werde. Als die Schlüchterner Delegation zuhause ankam, war auch bereits der Satzungsentwurf in Grundzügen zu Papier gebracht.  Das allgemeine Ziel des Vereins soll sein
die Förderung der

  • "Völkerverständigung und der Internationalen Freundschaft",
  • "Zusammenarbeit auf allen Gebieten des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens",
  • "Begegnung einzelner Bürgerinnen und Bürger und von Gruppen aus den Partnerstädten."

Deutlich tritt darin  das Selbstverständnis des Vereins hervor: Er versteht sich als Motor und innerer Gestalter der Städtepartnerschaft, der die Aktivitäten der Stadt, der Institutionen,  Vereine und Verbände "unterstützt" und voranbringt,  indem er zum einen Initiativen  koordiniert und zum anderen selbst Vorhaben auf den Weg bringt und Austausche, Hospitationen, gegenseitige Besuche und Begegnungen organisiert.  Die Gründungs-versammlung des Vereins fand am 19. November 2003 in der ehemaligen Synagoge in Schlüchtern statt. Sie nahm den Satzungsentwurf einstimmig an, und ebenso einstimmig wählte sie den Vorstand: 

  • Ernst Müller-Marschhausen zum  Vorsitzenden,
  • Wolfgang Krein zum Stellvertreter,
  • Peter Lotz zum Kassenführer.

Die gewählten Beisitzer übernahmen zugleich ebenso spezielle Querschnittsaufgaben:

  • Albin Anhalt, Dokumentation,
  • Reinhard Brückner-Werner, Koordination Stadtschule,
  • Janusz Cizsewski, Übersetzer,
  • Heinz-Jürgen Jost, Koordination Feuerwehren,
  • Michael Jürgens, Koordination Ulrich-von-Hutten-Gymnasium,
  • Günther Kaufmann, Koordination Kinzig-Schule,
  • Luise Meister, Zusammenarbeit mit dem Magistrat,
  • Ewald Schulz, Übersetzer,
  • Peter Triebensky, Koordination der Vereinsaktivitäten.

Am selben Abend erklärten 31 Anwesende ihren Beitritt zum "Förderverein für Städtepart-nerschaften der Stadt Schlüchtern e.V.". Er  wurde am 22. Januar 2004 unter der Nummer 536 ins Vereinsregister des Amtsgerichts Schlüchtern eingetragen.

Nun nahmen der  frisch gewählte Förderverein und die Kommission gemeinsam mit dem Kulturbüro der Stadt die Vorbereitung des Besuchs der Delegation aus Jarocin zur Gegen-Unterzeichnung des Vertrags am 24. April 2004 in Schlüchtern in Angriff. Jarocin hatte  Maßstäbe gesetzt, Schlüchtern hatte den Ehrgeiz, zumindest gleichzuziehen. Der Delegation unter Leitung von Bürgermeister Adam Pawlicki bereitete man einen großen Empfang: Begrüßt wurden sie bei der Eröffnung des Hellen Markts vom Bürgermeister, Schlüchtern bei Nacht lernten sie bei einer Führung  durch die Bürgergarde kennen, konkrete Absprachen über Austausche trafen die polnischen Gäste  mit ihren Kollegen in den großen Schulen der Stadt sowie mit ihren Kameraden der Schlüchterner Feuerwehren, und auch ein gemeinsamer Besuch in Frankfurt am Main mit der Besichtigung des  Flughafens und der Einkehr in Sachsenhausen fehlte nicht. Gerade für jene Apriltage hatte der Heimat- und Geschichtsverein eine Ausstellung über "Große Deutsche aus dem Osten" im Kreuzgang des Klosters geplant, zu deren Eröffnung er nun auch die polnischen Gäste einlud. (14)  Vor der feierlichen Unter-zeichnung in der Kloster-Aula,  in Schlüchterns traditionellem Festsaal,  kamen Gastgeber und Gäste in einem ökumenischen  Gottesdienst in der evangelischen Kirche zusammen. Prominente Gäste aus der Politik, unter ihnen der Chef der Staatskanzlei Stefan Grüttner, die Konsulin Barbara Zajko vom polnischen General-Konsulat in Köln  und Landrat Karl Eyerkaufer, verliehen dem Festakt Gewicht und eine Bedeutung, die über die Grenzen der Bergwinkelstadt hinausreichte. Feierlich umrahmt wurde die von den Bürgermeistern Falko Fritzsch und  Adam Pawlicki jetzt vollständige Beurkundung der Partnerschaft vom Orchester des Gymnasiums und vom Gremmelschen Männerchor & Männerchor Eintracht.

Mit der Unterzeichnung des Vertragswerks am 24. April 2004 in Schlüchtern haben nun beide Bürgermeister  dem Vertrag  über die Städtepartnerschaft zwischen Schlüchtern und Jarocin Rechtskraft verliehen und ihn in Kraft gesetzt. Für die Bergwinkelstadt ist es der Schlussstrich unter eine  fast dreijährige Spanne formeller Beschlüsse, und für die Schlüsselakteure in der Kommission und im Förderverein, denen die Städtepartnerschaft stets ein Herzensanliegen war,  ist es eine Belohnung ihres beharrlichen Engagements. Der 24. April 2004, der Tag der Ratifizierung des Partnerschaftsvertrags zwischen Schlüchtern und Jarocin, erhält zudem im Geschichtsbuch "Hessen in Europa" einen  exponierten Platz: Schlüchtern -  die erste hessische Stadt, die eine Partnerschaft mit einer Stadt in der polnischen Partnerregion Wielkopolska eingegangen ist. (15)

Zusammenfassung

Vom Beschluss 2001 bis zur Vertragsratifizierung 2004 war es eine lange Strecke bis zur Städtepartnerschaft mit Jarocin. Ihre Grundideen sind in Verträgen, in Protokollen, in Briefen und Vermerken an vielen Stellen festgehalten. Und auch die Schlüsselakteure und ebenso manche der nur am Rande Beteiligten  haben sich bei unterschiedlichen Anlässen (Ansprachen, Erfahrungsaustausch u. ä.) und in unterschiedlicher Weise darüber geäußert, was sie dazu antrieb, die Freundschaftsbrücke hinüber  zu der polnischen Stadt zu bauen, oder aus welchen Beweggründen sie diese angestrebte Partnerschaft aufgeschlossen und mit Interesse begleiteten.  All diese Gedanken und Äußerungen, die offiziellen und überlegten wie auch die eher beiläufigen, die auf dem Weg zur Gründung der Städtepartnerschaft ihre Wirkkraft entfalteten, ergeben ein etwas verwirrendes  Bild von Gründen. Versucht man, ein wenig Übersichtlichkeit dahinein zu bringen und die am häufigsten genannten Motive für die Gründung der Städtepartnerschaft mit Jarocin zu klassifizieren, wird man sie trotz der Überschneidungen schwerpunktmäßig vier Kategorien zuordnen können:

  • Modernitätsanspruch einlösen  und  mit anderen gleichgroßen Kommunen gleichziehen.
  • Horizonterweiterung -  über die Partnerstadt hinaus Land und Leute kennenlernen.
  • Verständigung und Aussöhnung mit dem polnischen Partner aktiv mit gestalten.
  • Europäische Integration im kommunalen Maßstab fördern.

Von diesen Leitideen getrieben, ging man in Schlüchtern jetzt daran, die Partnerschaft mit Jarocin aufzubauen und sie mit Leben zu erfüllen. Seele und Motor in den Anfangsjahren, hieß es später, war der Förderverein. Welche Ansprüche und Ziele nun im nächsten Jahrzehnt umgesetzt werden, welche Menschen und welche Ereignisse auf die Partnerschaft einwirken und sie prägen und mit welchem Ergebnis das gelingt – das alles kann erst aus  einem größeren zeitlichen Abstand dargestellt werden, und es unbefangen zu deuten, bleibt späteren Chronisten vorbehalten.

(1) Im Jahr 2001 unterhielten 16 der 29 Städte und Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis Partnerschaften mit europäischen und außereuropäischen Städten, 15 der insgesamt  37  waren Partnerschaften mit französischen Städten. 2014 unterhalten 20 Städte und Gemeinden Städtepartnerschaften, insgesamt 47.  Mitteilung des Referats 4 – Sitzungsdienste und Partnerschaftspflege des Main-Kinzig-Kreies vom 25. 6. 2014
(2) Protokoll der Stadtverordnetenversammlung am 20. 8.2001 (Stadtverwaltung)
(3) Wo im Folgenden nicht auf andere Quellen verwiesen wird,  stützt sich der Bericht auf Protokolle, Schriftverkehr, Vermerke und andere Materialien,  die in die beiden Aktenordnern "Städtepartnerschaft Jarocin  – Gründungsphase 2001-2004" im Sachgebiet "Städtepartnerschaften" aufgenommen wurden (Stadtverwaltung) (zitiert "Akte Städtepartnerschaft").
(4) Protokoll der Stadtverordnetenversammlung vom 24. 9. 2001 (Stadtverwaltung)
(5) Clemens Michel warnte vor einem "kommunalen Honoratiorentourismus" und  empfahl deshalb, dass eine Städtepartnerschaft nicht von der Verwaltung aus gesteuert werden sollte, sondern dass ein Partnerschaftsverein die inhaltliche Ausgestaltung der Partnerschaft übernimmt. Außerdem könne  ein Verein die Kontinuität der Partnerschaftsarbeit über Sitzungsperioden und politische Wechsel hinaus besser sicherstellen.
(6) Am 27. 5. 1999 hatte Bürgermeister Falko Fritzsch aufgrund einer Anregung des Stadtverordneten Andreas Kunst der ungarischen Stadt Gespräche angeboten; die Initiative verlief sich aber im Sande.
(7) An ihre Stelle trat die von Oberstudienrat Michael Jürgens 2002 ins Leben gerufene Partnerschaft mit dem Lycée Saint dÈxupéry in Fameck, aus der sich schließlich die 2012 gegründete Städtepartnerschaft, die zweite Partnerschaft Schlüchterns, entwickelte.   Siehe dazu die  Berichte in den Jahrbüchern des Ulrich-von-Hutten-Gymnasiums, hrsg. vom Ulrich-von-Hutten-Gymnasium, und  "Städtepartnerschaft nochmals besiegelt". In: "Kinzigtal-Nachrichten" vom 29. November 2012.
(8) Umfassend informiert Wikipedia über die Stadt Jarocin, wie sie heute ist.   Was man vor über hundert Jahren für mitteilungswürdig über "Jarotschin" erachtete, findet man in "Meyers Großes Konversations-Lexikon – Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens", Leipzig und Wien 1905 (6. Aufl.): "Kreisstadt im preuß.  Regbez. Posen….Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Posen-Kreuzburg, Öls-Gnesen und Lissa-Jarotschin. Hat eine evangelische und eine kath. Kirche, Synagoge, Amtsgericht, Eisenbahnwerkstätte, Ziegelbrennerei, Molkerei, Dampfsägewerk, besuchte Viehmärkte und (1900) 4355 meist kath. Einwohner. Nahebei liegt ein Schloß des Fürsten Radolin mit großer Waffensammlung".
(9) "Ein Glücksfall für beide". In: "Bergwinkel-Wochenbote" vom 29.5.2014. -  In seiner Ansprache betonte der Bürgermeister auch, dass die Partnerschaft mit Schlüchtern für jeden Jarociner Bürgermeister "Chefsache" gewesen sei, und dass Schlüchtern unter den inzwischen sechs Städtepartnerschaften eine "privilegierte Stelle" einnehme. 
(10) "Besuch aus Polen". In: "Kinzigtal-Nachrichten" vom 12. 5. 2003.
(11) Siehe dazu die entsprechenden Protokolle des Magistrats, des Haupt- und Finanzausschusses und der Stadtverordnetenversammlung. (Stadtverwaltung)
(12) "Wir werden die Erwartungen erfüllen" von Stefan Kläsener.  In:  "Kinzigtal- Nachrichten" vom 28. 10. 2013. -  Auch seine Nachfolgerin, Dorothee Müller sowie der Redakteur Walter Kreuzer  haben später an Studien- und Begegnungsreisen des Fördervereins teilgenommen und über das Wachsen der Städtepartnerschaft  begeistert und  ermutigend berichtet. - In der Bilanzierung im Rahmen des zehnjährigen Gründungsjubiläums konnte der Autor in seiner Funktion als Vorsitzender des Fördervereins mit gutem Grund feststellen, dass die Erfolgsgeschichte unserer Städtepartnerschaft zu einem guten Teil auch der Regionalzeitung zuzuschreiben ist.
(13) Brief des Hessischen Ministerpräsidenten  vom 26.11.03. In: "Akte Städtepartnerschaft".
(14) Das Thema und das didaktisch gut ausgewählte Bildmaterial fanden durchaus das Interesse der Gäste, aber die Art, wie der referierende Wissenschaftler dem Publikum  begegnete, und die mangelnde fachliche literaturwissenschaftliche  Kompetenz der Übersetzerin ließen  die Veranstaltung fast scheitern.
(15) Inzwischen (Stand 2014)  sind vier weitere hessische Städte Partnerschaften mit Städten in Wielkopolska eingegangen.

* Text der Vereinbarung

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